Lothar Peter Boschek

Lothar Peter
Boschek

21.04.1952
Berlin
-
06.09.2022
Stahnsdorf

Stimmungsbild-Lothar Peter-Boschek-3
ZurückAus dem Kondolenzbuch: Es war einmal ...

von Heinz Boschek am 17.10.2022 - 20:54 Uhr | melden

Es war einmal eine Stadt namens Berlin. Sie war groß, aber niemals artig – und weil sie niemals artig war, blieb sie auch nicht lange großartig. Der Krieg war an seinen Ausgangsort zurückgekehrt und hinterließ eine Trümmerlandschaft, durchzogen von Schlagbäumen und Resten von Bombenteppichen. Wer etwas in diesem apokalyptischen Berlin zu sagen hatte, sprach Englisch, Französisch oder Russisch, aber auf keinen Fall Deutsch.

Doch Nachkriegsjören wie Lothar und Heinz fanden dieses Chaos eher spannend und die fremden Sprachen an den Checkpoints störten sie auch nicht. Die beiden Vettern, eigentlich Brüder in Herz und Verstand, mussten in den frühen fünfziger Jahren erst einmal richtig Deutsch lernen. Ansonsten gingen sie lieber auf einen amerikanischen Posten zu, denn die GIs zogen meist wortlos diverse süße Plombenzieher aus den Hosentaschen, wenn man als Dreikäsehoch nur lange genug vor ihnen herumlungerte. Lothars rebellische Zunge weigerte sich zudem, auch deutsche Worte in althergebrachter Weise auszusprechen. So ankerten etwa an der Lohmühlenbrücke, wo sich die Familie häufig zu Ausflügen traf, keine Dampfer, sondern „Wampfer“. Heinz, drei Jahre älter als Lothar, durfte schon mal mit in die Kneipe, um dort kostenlos Erdnüsse in sich reinzuschaufeln, die zum Anlocken von Kundschaft in einem riesigen Bonbonglas auf dem Tresen standen. Allerdings war seine Zunge nicht weniger rebellisch als die von Lothar. Heinz bestand darauf, in der „Kleipe“ gewesen zu sein.

Nachdem die kleinen Hosenscheißer solche Hürden hinter sich gelassen hatten, war es ihnen auch schon frühzeitig vergönnt, mit der Liebe Bekanntschaft zu machen. In einem winzigen Familien-Kino in der Innstraße lief die herzzerreißende Liebesgeschichte zwischen dem Herumtreiber Strolch und Susi, der Dame aus gutem Hause, rauf und runter. Manche Leute behaupteten später, dass die Hundegeschichte Lothar und Heinz dazu verführt habe, auch erst einmal wie der freiheitsliebende Zeichentrickvierbeiner durchs Leben zu strolchen, ehe sie domestizierte Ehemänner wurden. Aber im Gegensatz zu Strolch wurden sie sogar zweimal vom Heiratsmarkt geangelt.

Wenn der Regen Abenteuer im Freien verhinderte, wurde es gleich danach besonders schön. Heinz und Lothar liebten es, aus Erde und kleinen Kriegsruinenresten Knöllchen zu formen und damit an der Harzer Straße die Ostberliner Sektorenwachen zu beschmeißen. Das war eine Zeit, da es noch keinen Schießbefehl mitten in Berlin gab und die frechen Jören in Neukölln einen Spaß haben konnten, von dem die lieben Kleinen in München oder erst recht in Dresden nur träumen konnten.

Obwohl sich in den Sechzigern und Siebzigern der Spaß an der Sektorengrenze auf die Mauerschützen verlagerte, während Berliner Jungs wie Lothar und Heinz die Fäuste in den Taschen ballten, ließen sich die quasi über Nacht Getrennten nicht unterkriegen. Manches hätte auch schiefgehen können. So zogen die Beiden in ihrem pubertären Leichtsinn nun im Sowjetsektor um die Häuser, sobald das Passierscheinabkommen Lothar grünes Licht dafür gab, stellten sich vor einen sogenannten Autosalon Unter den Linden und lachten sich über die ausgestellten „Trabants“ und „Wartburgs“ so lange halbtot, bis empörte Genossen die Vopos wegen „Herabwürdigung der DDR“ herbeiriefen. Aber dann waren sie im Gewirr der Ostberliner Hinterhöfe längst verschwunden.

So manches Mal verschlug es sie auf der Suche nach Abenteuern in die Welt der Stalinschen Zuckerbäckerarchitektur rund um den Strausberger Platz, um im beliebten Ost-West-Treffpunkt „Café Moskau“ zu tanzen oder einfach nur herumzustrolchen. Da beneidete Heinz, der in Ostberlin festhing, seinen „Bruder im Geiste“. Lothar wurde spätestens um Mitternacht am Sektorenübergang seine Abendbekanntschaft los, denn weiter konnte sie ihm ja nicht folgen. Heinz hingegen brauchte mehrere Tage, um der hoffnungsfrohen Anschlusssuchenden klarzumachen, dass er nur das Tanzbein schwingen wollte und keine weiteren Körperteile, die bei einer Paarung von Bedeutung wären. Ja, Lothar war da eindeutig auf dem besseren „Wampfer“, denn Heinz musste in der Ostberliner „Kleipe“ zurückbleiben.
28 Jahre mit Mauer und Stacheldraht konnten Lothar und Heinz nicht auseinanderbringen. Allem üblichen Berliner Chaos zum Trotz gingen sie ihren Weg. Lothar jonglierte auf der Bank mit Zahlen, Heinz in der Zeitungsredaktion mit Worten. Folgerichtig durfte Lothar in seiner Bankfiliale 100 D-Mark Begrüßungsgeld an Heinz auszahlen, kaum dass der „Wind of Change“ die Mauer zum Einsturz gebracht hatte. Heinz revanchierte sich später als gut situierter Reporter, indem er Lothar und Sylvia die Schweiz zeigte, wenn auch nur die märkische. Dass sich die beiden Turteltauben aus dem Westen, angeregt durch das Klappern der Störche rings um Buckow, damals schon entschlossen, später auch ein Nest in den märkischen Sand zu bauen, ist allerdings nicht belegt.

Aber eines ist sicher: Lothar und Heinz haben mit Berliner Herz und Schnauze dem Schimpfwort „Vetternwirtschaft“ ein positives menschliches Gütesiegel verpasst.


In Liebe für Lothar:

Dein Cousin und Bruder Heinz im allzu fernen Kanada

Heinz Boschek
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