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Gedenkseite für Siegfried Franz Volker Gatz
Siegfried Franz Volker Gatz wurde am 05. Dezember 1963 in Rendsburg geboren und starb am 23. Dezember 1993 mit nur 30 Jahren in Kiel. Er wurde im Tierkreiszeichen Schütze geboren.
Siggi, der Spitzname der Freunde oder Pummel, der Kosename der Familie, erblickte an einem kalten Dezembertag in 1963 das Licht der Welt. Pummel (ich schreibe diesen so liegewonnenen Namen, da ich als Schwester diesen Nachruf verfasse), startete wahrlich nicht leicht ins Leben. Sein Körper war zu vielen großen Teilen blutunterlaufen, die Ärzte standen damals im Rendsburger Krankenhaus vor einem Rätzel. Nachdem viele Untersuchungen vorgenommen wurden, u.a. auch in der Uniklinik in Kiel, stand fest - Pummel hatte Hämophilie A, welches eine angeborene Blutgerinnungsstörung ist, bei der der Gerinnungsfaktor VIII im Blut fehlt oder nicht richtig arbeitet.
Für im Jahr 1963 geborene Betroffene (Bluter) war die medizinische Versorgung stark eingeschränkt. Damals gab es noch keine sicheren Konzentrate. Die Lebenserwartung lag oft nur bei 20 bis 30 Jahren. Die Behandlung erfolgte meist erst im Akutfall mit Frischplasma oder Rohpräparaten.
Die Mutter, Erika Gatz, geb. 20.05.1942, und der Vater, Siegfried Hermann Hagen Gatz, geb. 06.09.1939, gest. 14.06.2001, erhielten bereits in der Klinik große Bewunderung von den Ärzten und Schwestern, denn beide setzten alle Hebel in Bewegung, um sich vollumfänglich über diese Erkrankung zu informieren, damit Pummel trotz der erheblichen Gefahren ein schönes und möglichst "sicheres" Leben leben konnte.
Die große Herausforderung war, dass Pummel aufgrund der fehlenden Blutgerinnung jegliches Stoßen / jegliche Verletzung vermeiden musste, was eine große Herausforderung darstellte und oftmals nicht glückte. So viele Uniklinik Besuche in Kiel begleiteten Pummels Leben, insbesondere in der Kindheit.
Im Weiteren war es notwendig, dass Pummel regelmässig an mehreren Tagen in der Woche ein Blutplasma zur Blutgerinnung intravenös zugeführt werden musste, damit wenigstens ein kleiner Status an Gerinnung erwirkt wurde. Bis zu seinem 12 Geburtstag fand dieses in der Uniklinik in Kiel statt, ab dem 12 Lebensjahr spritzte Pummel den Faktor 8 eingeständig zu Hause. Mal in die Armbeuge, wenn diese zu vernarbt war, auch in den Fussbereich.
Pummel besuchte die Emil Nolde Grundschule in Büdelsdorf (1969-1973) und wechselte anschließend auf die Klaus Groth Hauptschule in Büdelsdorf (1973-1978). Trotz der vielen Krankheitstage während der Schulzeit, die oft über Wochen gingen, schloß Pummel die Hauptschule mit einem guten Ergebnis ab. Anschließend erfolgte auf dem zweiten Bildungsweg der Realschulabschluß in Rendsburg (1978-1980) und der Abschluß des Fachgymnasiums in Neumünster (1980-1982).
Pummel hatte einen großartigen Freundeskreis. Die engsten Freunde waren Uwe, Volker und Sven, einfach klasse. Alle hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Konnte Pummel nicht laufen, nahm ihn Sven huckepack, um in der Berufsschule die Treppen hochzukommen. Einen Fahrstuhl gab es nicht. Uwe war auch Bluter, beide hatten dieselbe Erkrankung und stützen sich oft gegenseitig, wenn die Tage trübe waren.
Regelmässiges Basteln auf dem Hof unserer Eltern erinnere ich sehr gut, zuerst an den Mofas, dann folgten die Autos. Damit verbunden zieht mir noch heute der Kuchenduft in die Nase, den unsere Mama an den Wochenenenden immer für alle bereitstellte.
Aufgrund der vielen Gelenkblutungen und der damit einhergehenden Beeinträchtigung beim Gehen erhielt Pummel bereits mit 12 Jahren die Erlaubnis, ein Mofa fahren zu dürfen.
Aufgrund der fortschreitenden Medizin verringerten sich die Krankenhausaufenthalte im jungen Erwachsenenalter, so dass Pummel mehr Zeit für die Schule hatte. Insbesondere die Naturwissenschaftlichen Fächer mochte er sehr.
Nun stand die Frage im Raum, welcher Berufsweg in Frage kam. Schließlich wählte Pummel die Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, welche er mit sehr guten Noten abschloß.
Mit diesem tollen Abschluß bewarb sich Pummel beim Präsidenten des Deutschen Gehörlosenbundes, Herrn Dr. Ulrich Hase, als sein Sekretär und er wurde prompt eingestellt. Das Gebäude befand sich am Paradeplatz in Rendsburg und Pummels Büro war rollstuhlgerecht ausgestattet und nutzbar, was Voraussetzung war, denn Pummels Blutungen, insbesondere in den Gelenken, erforderten oftmals die Rollstuhlnutzung.
Die Zeit beim Deutschen Gehörlosenbund erinnere ich als schöne Zeit. Pummel wurde äußerst wertgeschätzt, seine besondere Persönlichkeit, die stets Ruhe und Vertrauen ausstrahlte, fand neben seiner gewissenhaften Art zu arbeiten, schnell Anklang. Ich weiß noch, wie stolz Pummel mir das Gehörlosentelefon erklärte.
Pummels Hobbies waren das Autofahren und die Modellfliegerei. Sein erstes Auto war ein lindgrüner VW Polo mit 40 PS, welches Pummel direkt nach dem Kauf mit einem ziemlich großen Aufkleber mit dem Schriftzug "Turbo" versah, was dem einen oder anderen Betrachter aufgrund der geringen PS Zahl ein Schmunzeln entlockte. Hinzu kamen Hosenträgergurte, damals abosut "in".
Der zweite Wagen war ein schwarzer Golf III TDI von einem Tierarzt, der derart intensiv roch, dass nur dank Mamas Putzkünsten Frische in den Innenraum einzog. Dazu gibt es eine Anekdote - an einem Wintertag, das Jahr erinnere ich nicht mehr genau, war aufgrund der langen Minusgrade die Eider (Fluß in Rendsburg) zugefroren. Pummel liebte das sogenannte "Driften" mit dem Golf, entsprechend ging es auf die glatte Eisfläche. Leider war das Eis nicht an allen Stellen gleich stark, was dazu führte, dass Pummel mit seinem Golf einbrach. Zum großen Glück nur am Rand. Der Wagen sackte ca. 30 cm tief ins Wasser, alles lief voll. Die Rettungsaktion übernahm Papa, der nach der Arbeit mit dem Mercedes 123 per Stahlseil an der Anhängerkupplung den Golf rauszog. Per Zufall war ein Fotograf von der Landeszeitung an der Eider, der vom Geschehnis Fotos machte und so wurde Pummels Malheur bekannt. Der Bericht wurde mit der Überschrift: Wenn es dem Esel zu wohle wird, geht er aufs Eis" veröffenlicht. Was haben wir oft darüber gelacht, Pummel nahm es komplett mit Humor. Dann folgte ein gelber VW Bus (T3) mit der Joker Ausstattung und einem Hubdach.
Sein zweites Hobby war die Modellfliegerei. Mit so viel Sorgfalt entstanden die Flugzeuge am Küchentisch. Damals gab es das Geschäft Staufenbiel in Kiel, wo Pummel recht regemäßig einkaufte. Die Fernsteuerung war von Graupner. Nach Fertigstellung ging es los, wir fuhren oftmals zusammen, es war immer ein kleines Event. Meistens aber leider nicht immer waren es herrliche Flüge und das Flugzeug kam heil wieder runter. Zum Glück eher selten geschah ein Malheur, meistens beim Landen. Dann wurde der Schaden in liebevoller Kleinarbeit reparariert. Was mich sehr glücklich gemacht hatte, war, das Leuchten und diese Freude im Gesicht von Pummel zu sehen. Selbst als er nicht mehr laufen konnte, ging es im Rollstuhl auf den Acker beim Bauern in Rickert (wir hatten dessen Erlaubnis) und dann brachte Pummel den Flieger in die Lüfte.
Pummels weiteres Hobby war das Reisen. Er liebte Griechenland, wohin wir schon während unserer Kindheit als Familie jeden Sommer für 4 Wochen mit dem Wohnwagen hinreisten. Diese Griechenland Urlaube waren neben Weihnachten und dem Geburtstag das absolute Highlight im Jahr. Pummel liebte die Wärme, seine Gelenke taten weniger weh. Es waren so unbeschwerte 4 Wochen mit unseren Eltern, einfach unvergeßlich schön.
Pummel fuhr alle 4 Wochen in die Uniklinik Kiel zu regelmässigen Untersuchungen, zu denen ab Mitte der 80er Jahre auch der HIV Test gehörte. Zu dieser Zeit war Pummel Mitte 20 und als er eines Tages aus Kiel zurückkam, war er sehr schweigsam und wirkte sehr bedrückt. Er bat uns, uns zu setzen und teilte uns dann mit, dass er HIV positiv sei. Somit war mein Bruder seit diesem Tag Teil des weltweiten "Bluter Skandals".
Der Bluterskandal in den 1980er Jahren führte dazu, dass sich rund 2.500 Hämophile (Bluter) in Deutschland durch verunreinigte Blutgerinnungspräparate mit HIV und/oder Hepatitis C infizierten. Mehr als tausend Betroffene starben. Auslöser waren unzureichend sterilisierte Spenderprodukte von bezahlten Risikospendern sowie spätes behördliches Eingreifen.
Der Pharmahersteller Behringwerke AG hatte zu der Zeit auf kostenintensive HIV Tests bei den Blutspenden verzichtet und entsprechend wurde das HI Virus über diesen Weg auf Pummel übertragen.
Mitte der 80er Jahre war das Thema HIV / AIDS mit so vielen Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Steckt man sich an, wenn man z.B. aus einem Glas trinkt? Diese war nur eine von unzähligen Fragen, die sich die Menschen stellten. Pummel infomierte seinen Freundkreis, alle Ärzte wussten sowieso Bescheid. Es zeigte sich damals immer wieder, wie wunderbar und großartig seine Freunde waren. Alle standen geschlossen hinter ihm. Pummel sagte damals, dass er durch seine Familie und seine Freunde eine Kraft spüre, ohne die er die esten Monate nach der Diagnose ggf. nicht so durchgestanden hätte, denn viele Bluter hätten mit der Diagnose eine Isolation erfahren.
Das Virus setzte Pummel schwer zu. Zuerst kam eine Lähmung des zentralen Nervensystems. Ich weiß noch, wie wir in der Uniklinik in Kiel waren und der Professort sagte, man wüsste nicht, wie weit die Lähmung geht. Schlussendlich waren bei Pummel die Beine stark betroffen, Gehen war nicht mehr möglich. Dazu verließ Pummel die Kraft in den Armen und dem Oberkörper. Nach mehreren Wochen in Kiel wurde Pummel in die Rehaklinik nach Heidelberg überwiesen. Wir fuhren jedes Wochenende von Büdelsdorf nach Heidelberg. Sehr dankbar waren wir zu dieser Zeit unserem Onkel und unserer Tante, die bei Heidelberg in Schatthausen wohnten. Wir konnten dort übernachten und unsere Tante hat uns stets mit leckerem Essen versorgt.
Dort lernte Pummel Manuela kennen. Manuela war auch Patientin, beide verliebten sich und trugen sich gegenseitig durch eine wahrlich sehr schwere Zeit.
Nach der Reha kam Pummel zurück nach Hause und auch Manuela zog mit ein. Es war eine sehr schöne Zeit. Ich habe mich oft gefragt, wie viel Glück Menschen ausstrahlen können, wenn es diese doch so schwer trifft. Pummel und Manu (ihr Kosename, den Pummel ihr gab) wohnten um die 3 Jahre zusammen in einer kleinen Wohnung im Haus unserer Eltern.
Dann verschlechterten sich Pummels Blutwerte so sehr, dass die T-Helferzellen (Abwehrzellen) auf Null waren. Dieses war dann der Start für den Krebs, der sich in Pummels Körper ausbereitete.
So lebte Pummel die letzte Zeit bis zu seinem Tod im engen und von großer Liebe gezeichnetem Verbund der Familie.
Pummel schlief am 23.12.1993 im Alter von 30 Jahren in der Uniklink Kiel ein. Ich erinnere einen kalten und grauen Dezembertag und in dem Moment, als Pummel die Augen schloß und es still wurde, brach der Himmel auf und die Sonne zeigte sich. Dieser Tag vor Heiligabend in 1993 hat neben der Trauer bis heute auch dazu geführt, dass Pummel uns am Weihnachtsfest besonders nahe ist.
Am Tage von Pummels Beerdigung war die Auferstehungskirche in der Berliner Straße in Büdelsdorf so voll, dass die Türen beim Trauergottesdienst offen bleiben mussten, nicht alle Menschen fanden einen Sitzplatz. Liebe, Trauer und Dankbarkeit erfüllten den Raum, Pummel wurde getragen und begleitet bis zur Grabstelle.
Liebes Bruderherz, Du warst ein so liebenswerter Mensch mit einem großem Herz, so viel Humor und Du warst der beste Zuhörer. Du bist für uns unvergessen, bis zu Papas Tod am 14.06.2001 warst du täglich in Papas Erzählungen. Mama und ich sprechen so oft von Dir, Du hast in unseren Herzen einen festen Platz, voll mit Liebe und Dankbarkeit gefüllt.
Folgende Worte hast Du wenige Wochen vor Deinem Tod gesagt:
"Im Leben kommt es nicht darauf an, unbedingt alt zu werden. Es kommt darauf an, das Leben, welches einem beschert wird, wirklich zu leben und zu lieben und mit den Menschen, mit denen das Herz verbunden ist, ein festes Band zu knüpfen."
Mit diesem Satz möchte ich diesen Nachruf abschließen, mein gelieber Bruder.
Ruhe in Frieden lieber Pummel - leicht und unbeschwert.
Deine Mama und Deine Püppi





