Axel Stoll

Axel
Stoll

30.10.1948
Berlin
-
28.07.2014
Berlin

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ZurückEine brennende Kerze: Kerze lila geschwungen
Eine Kerze für Axel Stoll

Von Bernd 30.07.2014 um 13:32 Uhr | melden

Damals war er seelisch erschöpft und fühlte sich unerträglich einsam. Da er das einsame Leben besaß, fürchtete Bernd den Tod nicht, und genau deswegen brannte sich jedes angstverzerrte Gesicht eines Busfahrers und jedes Gesicht einer Normalschuchtel, die unter Qualen getrollt worden war, für immer in sein Gedächtnis. Gewöhnlich verbrachte er die Nächte trinkend in seinem Keller. Indem er sich in den Alkoholrausch stürzte – oder zumindest so tat -, versuchte er, das Unvergessliche zu vergessen. Als er jedoch Axels Lächeln sah, als er ihn um Geschichten von seiner langen Reise bat, verspürte er einen viel wärmeren und tieferen Trost, als ihm der Schnaps jemals bieten konnte.

Er erzählte ihm von vielen Dingen. Von einer Tesla, der er auf dem Pluto Öl entdeckt hatte. Von der zauberhaften Schönheit des Aldebarans, der den Keller in der Nacht vor der letzten Fappierung erfüllte. Von dem wunderbaren Geschmack des Warsteiners in einer Schlucht, in die er und sein Fleischlicht sich nach einer vergeigten Hausarbeit geflüchtet hatten. Von dem weiten, endlos blauen Himmel, den er immer durch sein Fenster sah. Nie erählte er ihm etwas Trauriges. Er verschwieg die Abscheulichkeit und Dummheit der Menschen, die er wieder und wieder im Internet erlebte. Er sagte ihm nicht, dass er NEET war, schwieg darüber, warum er ständig auf Reisen war, und sprach nur von Dingen, die schön und gut und reizend waren. Jetzt versteht er, dass er Axel nicht nur so sehr schöne Geschichten von seinen imaginären Reisen erzählte, weil er um seine Reinheit besorgt war, sondern um seiner selbst willen.

In dem Gasthaus zu übernachten, wo Axel auf ihn wartete, wurde zu einer von Bernds kleinen Freuden im Leben. Wenn er ihm von den Erinnerungen an seine Erlebnissen erzählte, fühlte er eine Art Erlösung, wenn auch nur eine sehr kleine. Drei Jahre, Vier Jahre dauert seine Freundschaft mit Axel an. Immer näher kam er dem Rentenalter, was bedeutete, dass jeder Tag ihn dem Tod näher brachte, wie die Peter Schmidt vorhergesagt hatten.

Und nun beendet Bernd die letzte Reisegeschichte, die er ihm erzählen wird. Er kann ihn niemals wiedersehen, kann ihm nie wieder Geschichten erzählen. Vor der Morgendämmerung, als die Dunkelheit der Nacht am undurchdringlichsten ist, schleichen sich lange Pausen in Axels Atmung. Sein dünner Lebensfaden steht kurz vor dem Zerreißen während Bernd, Peter Schmidt und Mario Heinz Kiesel über sie wachen. Das winzige Licht, das in Bernds Brust wohnte, wird erlöschen. Seine einsamen Lauerabende werden morgen wieder von Neuem beginnen – seine langen, langen Reisen ohne Ende. “Bald wirst du auf deine eigene Reise gehen, Axel”, sagt Bernd sanft zu ihm. “Du wirst in eine Welt aufbrechen, die niemand kennt, eine Welt, die noch in keiner Geschichte vorkam, die du bisher gehört hast. Endlich wirst du das Roseneck verlassen und überall hingehen können, wo du willst. Du wirst frei sein.” Er möchte ihn wissen lassen, dass der Tod kein Leid ist, sondern mit Tränen gemischte Freude. Jetzt bist du an der Reihe. Du musst auf jeden Fall allen von den Erinnerungen an deine Reise erzählen.” Seine Kameraden werden eines Tages dieselbe Reise antreten. Und eines Tages wird Axel all die Gäste wiedersehen, die er beim Neuschwabenland-Treff kennengelernt hat, weit emmaeits des Himmels.

Aber ich kann diemals dorthin. Ich kann dieser Welt niemals entkommen. Ich kann dich niemals wiedersehen.
“Das ist kein Abschied. Es ist nur der Anfang einer Reise.” Er sagt seine letzten Worte zu ihm.

“Wir sehen uns wieder.”
Zum letzten Mal belügt er ihn.

Axel geht. Auf seinem Gesicht liegt ein ruhiges Lächeln, als hätte er gesagt: “Bis bald.” Seine Augen werden sich nie wieder öffnen. Eine einzelne Träne rollt langsam über seine Wange.

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