Carolin Bohl

Carolin
Bohl

28.02.2001
Deutschland BRD DE Germany
-
07.10.2023
Kibbuz Nir Oz Israel

Stimmungsbild-Carolin-Bohl-3
ZurückAus dem Kondolenzbuch: Carolin sagte ich liebe dich

von Bild am 07.10.2025 - 21:23 Uhr | melden

Deutsche am 7. Oktober im Kibbuz Nir Oz ermordet: Carolin sagte „ich liebe dich“ – dann kam die Hamas
BILD sprach mit ihrer Mutter
Für Carolin Bohl war es die erste Reise nach Israel. Am 23. September 2023 war die Berliner Studentin mit ihrem engen Freund Daniel Darlington losgeflogen. Daniels verstorbene Mutter hatte im Kibbuz Nir Oz gelebt. Und weil es so schön war dort, verschoben sie ihren Rückflug am 6. Oktober um einen Tag. Ein tödliches Verhängnis.
Carolin reiste mit ihrem Freund nach Nir Oz
Carolin und Danny waren seit Jahren engste Freunde – kein Paar. Sie hatten einander in Italien kennengelernt. Der Fotograf aus Manchester lebte mittlerweile auch in Deutschland, zuletzt in Berlin. Der Kibbuz Nir Oz war für ihn ein Herzensort. Seine israelische Mutter, die starb, als er 14 Jahre alt war, hatte dort viele Jahre gelebt.
Carolin Bohl (†22) wurde im Kibbuz Nir Oz von Hamas-Terroristen erschossen
Foto: Rico Reinhold
„Er war als Kind mit seiner Mutter in den Sommerferien häufig in Nir Oz gewesen. Diesen Ort wollte er Carolin unbedingt zeigen.“
Angst wegen der Nähe zu Gaza
Sonja Bohl-Dencker (58) aus Otersen (Niedersachsen) erzählt im Gespräch mit BILD äußerlich ganz ruhig von den Augenblicken, in denen ihr erfülltes Berufs- und Familienleben für immer zerbrach.
„Ich habe als Gluckenmutter schon Schnappatmung gekriegt, als Caro mir schilderte, wie nahe der Kibbuz Nir Oz an Gaza ist. An diesem 7. Oktober waren wir schon früh wach. Wir wollten aus dem Dänemark-Urlaub zurück nach Hause und rechtzeitig durch den Elbtunnel“, sagt die Fachanwältin für Sozialrecht.
Die letzte Nachricht kam per Messenger
Dann kam die erste Messenger-Nachricht von Carolin (6.16 Uhr Ortszeit). „Hier ist was los. Mama, wenn du das liest, bleib ganz ruhig.“ Sonja Bohl-Dencker antwortete vergleichsweise flapsig. „Wenn man eine Tochter wie dich hat, ist immer was los.“ Nur rund 90 Minuten später, um 8.16 Uhr, ahnte sie, dass es diesmal nicht um eine spontane Planänderung unter jungen Reisenden ging.
Das Haus in Nir Oz, in dem Carolin Bohl und Daniel Darlington ermordet wurden
Foto: Peter Hell
„Ich liebe dich mit meinem ganzen Herzen, Mommichen. Und bin dir unendlich dankbar für alles, alles, alles.“ Es sollte die letzte Nachricht von Carolin Bohl sein.
30 Stunden Albtraum
„Wir saßen da schon im Auto und ich hatte dann auch schon bei den Nachrichten mal geguckt, was los ist. Dann habe ich mir gesagt, na ja, die sind im Shelter. Aber sie hat sich nicht mehr gemeldet. Ich dachte mir, vielleicht haben Sie kein W-LAN mehr oder keinen Strom. Irgendwann habe ich Danny angeschrieben, aber es kam von ihm auch nichts. So war das natürlich eine Horrorfahrt nach Hause.“
Die Berlinerin hatte noch so viele Träume
Foto: Felix Kayser
Der Albtraum, hilflos um das geliebte Kind zu bangen, er sollte noch gut 30 Stunden währen. Über Carolins Halbschwester in Chicago und Dannys Schwester Shelly in Australien sowie Verwandtschaft in den USA wurde schließlich ein Kumpel von Danny in Nir Oz erreicht, der die Terrorattacken der Hamas überlebt hatte. Behörden wurden eingeschaltet, die deutsche Botschaft in Jerusalem, die israelische Botschaft in Berlin. Auf Angst folgte traurige Gewissheit.
Dreimal wurde Carolin getroffen
„Carolin wurde dreimal getroffen. Ins Bein, in den Rücken und ins Genick. Alles von hinten. Aber wo jetzt? Ob sie vielleicht vor der Tür gemeinsam standen und die Tür versucht haben zuzuhalten? Genau wissen wir es nicht.“
Carolin, die junge, lebensfrohe Frau, die nebenher modelte und so sehr auf ihre Umwelt achtete, nachhaltiges Modedesign in Berlin studierte und alte Klamotten umschneiderte, statt neue zu kaufen, war tot. Als einzige nichtjüdische Deutsche. Als einzige, die doch gar keinen Bezug zu Israel hatte. Für ihre Mutter fing damit das Grauen erst an.
„Ich hatte keine Kontakte zu Juden“
„Ich war eine ganz unbedarfte Deutsche, die keine Kontakte zu Juden hatte. Ich habe Caro irgendwann mal gefragt, ob Danny Jude ist – keine Ahnung, hat sie gesagt.“ Sonja Bohl-Dencker möchte reden, über ihre Tochter, die mit so viel Engagement studierte und lebte, über den Verlust. Deshalb ist sie extra mit ihrem VW-Bus nach Hamburg angereist, um sich mit BILD zu treffen. So konnte sie ihre Hündin mitnehmen, einen Cane Corso. „Sie ist nicht gern allein.”
An der Eingangstüre hängen zur Erinnerung Bilder von Danny und Carolin
Foto: Peter Hell
Auf den lapidaren Satz sagt Sonja Bohl-Dencker: „Ich weiß noch nicht, wie es mit mir weitergeht. Es tut einfach so weh, dass ich das im Grunde kaum aushalten kann und möchte. Ich habe kein starkes Interesse mehr daran, 85 Jahre zu werden. Früher war das anders, weil ich meinen Enkel kennenlernen wollte. Aber das ist nicht mehr so.“
In der Tür sind noch die Einschusslöcher zu sehen
Foto: Peter Hell
Sie artikuliert ihre Verzweiflung, als wäre sie an der Beschreibung der eigenen Umstände nicht beteiligt. Wenn es um ihre Tochter geht und die Erfahrungen nach deren Ermordung, wird sie emotionaler.
Zu all der Trauer kommt jetzt noch Wut
„Solange ich sage, ich werde jetzt nicht auch noch meine Hunde allein lassen und meinen Mann, will ich die Hintergründe dieser Tat ergründen. Und je mehr ich in deutschen Medien lese, desto enttäuschter bin ich. Zu all der Trauer kommt jetzt noch Wut dazu und Frustration über mein Umfeld. Ich schäme mich für die Deutschen inzwischen – und auch für Europa. Mir ist unbegreiflich, dass auch die Politik sich von der Hamas-Propaganda einfangen lässt.“
Carolins Mutter, Sonja Bohl-Dencker, kämpft um Andenken an ihre Tochter und die Umstände ihres Todes
Foto: Privat
Zum ersten Jahrestag des Überfalls flog Sonja Bohl-Dencker nach Israel. Im Juli dieses Jahres war sie wieder da, um Freiwilligenarbeit im Kibbutz Nir Oz zu leisten. „In Deutschland habe ich das Gefühl, dass Carolins Schicksal den Menschen egal ist. In Israel ist die Empathie eine ganz andere. Da sagte man mir: ,Es ist ja so schrecklich, was du jetzt erleiden musst. Wir sind das ja gewohnt. Aber du bist jetzt in unseren Konflikt hineingeraten.‘ Als ob es für mich schlimmer sei als für sie.“

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