Fabrizio Flemisch

Fabrizio
Flemisch

27.09.1999
Starnberg
-
28.08.2025
München

Stimmungsbild-Fabrizio-Flemisch-5
ZurückAus dem Kondolenzbuch: DIE GESCHICHTE VON DER TRAURIGKEIT

von Uschi Flemisch am 06.06.2026 - 13:37 Uhr | melden

Einst ging eine kleine Frau einen staubigen Feldweg entlang. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
Am Wegesrand, zusammengekauert auf der steinigen Erde, sah sie eine Gestalt, grau und fast körperlos. Die kleine Frau bückte sich zu ihr hinunter und fragte: „wer bist du?“
Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. „Ich?“ flüsterte die Stimme so leise, dass sie kaum zu hören war, „Ich bin die Traurigkeit.“
„Ach , die Traurigkeit“ rief die kleine Frau erfreut aus „ das ist ja eine Freude!“
„Eine Freude?“ fragte die Traurigkeit misstrauisch.“ „Hast du denn keine Angst? Warum läufst du nicht davon?“
Die kleine Frau lachte. „Warum sollte ich vor dir davon laufen, meine Liebe? Du weißt doch nur zu gut, dass du jeden einholen kannst. Aber – warum siehst du so mutlos aus?“
„Ach, ich bin so unglücklich.“ antwortete die graue Gestalt mit der brüchigen Stimme.
Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr, nickte verständnisvoll mit dem Kopf und sagte: „erzähl mir doch, was dich bedrückt“. Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr wirklich jemand zuhören wollen?“
Ach weißt du“ begann sie zögernd „ es ist so, dass mich einfach niemand mag. Dabei ist es nun mal meine Bestimmung, zu den Menschen zu gehen. Doch wenn ich zu Ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie haben Angst vor mir! Sie meiden mich!“ Die Traurigkeit schluckte schwer. „Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich fertig machen wollen. Sie sagen, hau ab, das Leben geht weiter, - und dann bekommen sie Magenkrämpfe. Sie sagen, gelobt sei was ablenkt - und dann lenken sie sich ab, bis sie Herzschmerzen haben.
Und am liebsten sagen sie zu mir: „ jetzt mach dass du fort kommst – das ist doch schon so lange her - man muss jetzt nicht mehr weinen! Aber die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe!!!
„O ja“ bestätigte die alte Frau „solche Menschen sind mir schon oft begegnet“.
Die Traurigkeit wurde ein wenig lebendiger und sagte eifrig: „ dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Wer traurig ist, hat ein dünne Haut und manches Leid bricht wieder auf - wie bei einer schlecht verheilten Wunde. Das tut natürlich weh! Aber ich helfe ihnen ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Nur wer all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen.“
Die Traurigkeit sackte wieder in sich zusammen und jammerte: „ Aber die Menschen wollen eben nicht, dass ich ihnen helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder die legen sich einen Panzer aus Bitterkeit zu. Oder sie erstarren vor Gram“.
Die kleine alte Frau schaute die Traurigkeit voller Mitgefühl an und nahm dann die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. „ Wie weich und sanft sie sich anfühlt“, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. „ Ruh dich aus, meine Traurigkeit“ flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern - denn ich werde dich begleiten.“
Die Traurigkeit richtet sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin. „ ja aber, wer bist du denn?“
„Ich?“ sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen.
„ Ich - bin die Hoffnung!“

Uschi Flemisch
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