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Von Nicole 08.05.2023 um 16:44 Uhr | melden
Man kann im Leben wirklich einiges aushalten und sogar daran wachsen. Auch eine Familie kann das, selbst wenn sie sich danach völlig neu ausrichten muss.
Immer wieder lese ich den kurzen Abschiedsbrief, in dem es keine Anklage gibt. Ich suche noch im letzten Winkel Deiner Wohnung nach Hinweisen. Starre so lange auf alte Kinderfotos von uns, bis ich das Gefühl habe, unsere Abbilder in bunten Pullis und mit Zahnlücken bewegen sich und ziehen Grimassen.
Ich habe lernen müssen, dass Trauer viele Facetten hat. Wie aus einer schrecklichen Wundertüte kamen täglich neue, teils absurde Gefühle in mir hoch – in den unpassendsten Situationen musste ich Tränen lachen, dann hemmungslos schluchzen. Mal fühlte ich Hass, Wut, dann Einsamkeit, Selbstmitleid. Große Angst, dass meiner Mutter oder meinen anderen Geschwistern etwas zustößt oder dass mir etwas zustoßen könnte.
Wir sind ein Familienbild mit einem leeren Fleck, in dem alle Personen versuchen einen neuen Platz zu finden um wieder ein harmonisches Bild zu ergeben, eingefasst von einem schönen alten Rahmen, der verhindert, dass irgendjemand hinausfallen kann.
Jede Anteilnahme, jede Geste, ganz besonders der Trompeter auf der Drehleiter, hat sich in mein Hirn eingebrannt. Jede von ihnen hat mich auf ganz individuelle Art unterstützt und das werde ich niemals vergessen. Wenn ich daran zurückdenke, durchfließt mich immer neben der Traurigkeit viel Dankbarkeit und Liebe. Rückblickend habe ich das Gefühl, dass wir getragen wurden.




