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von Andrea am 20.06.2019 - 10:36 Uhr | melden
Lieber Vatl,
in Deinen letzten Lebensjahren hast Du die Liebe zur Lyrik Georg Trakls entdeckt. Ich kannte die Werke dieses Dichters überhaupt nicht, obwohl ich seit 2010 selbst Gedichte schreibe. Inzwischen kann ich sie mir langsam zu Gemüte führen. Einmal hast Du mir unten stehendes Gedicht geschickt, welches ich fasziniert las. Trakls Gedicht ist sehr melancholisch, und seine genauen Naturbeobachtungen gleichen den Deinen, was mir einerseits das Herz bricht und andererseits viele schöne Erinnerungen an unsere Waldwanderungen weckt. Ich selbst hatte eine lange Phase, in der ich litt und mir durch das Schreiben von Gedichten ein funktionierendes Ventil erschaffte. Mit Deinem Weggehen ist mein lyrisches Schaffen weniger und weniger geworden. Nur noch Ihr zwei, Mutti und Du, seid die Hauptpersonen der wenigen Gedichte, die ich seit dem 01.01.2014 schreiben konnte. Irgendwann werde ich sicher wieder so schreiben können wie früher. Irgendwann.
Melancholie des Abends
Der Wald, der sich verstorben breitet –
Und Schatten sind um ihn, wie Hecken.
Das Wild kommt zitternd aus Verstecken,
Indes ein Bach ganz leise gleitet
Und Farnen folgt und alten Steinen
Und silbern glänzt aus Laubgewinden.
Man hört ihn bald in schwarzen Schlünden –
Vielleicht, daß auch schon Sterne scheinen.
Der dunkle Plan scheint ohne Maßen,
Verstreute Dörfer, Sumpf und Weiher,
Und etwas täuscht dir vor ein Feuer.
Ein kalter Glanz huscht über Straßen.
Am Himmel ahnet man Bewegung,
Ein Heer von wilden Vögeln wandern
Nach jenen Ländern, schönen, andern.
Es steigt und sinkt des Rohres Regung.
Aus: Gedichte - Ausgabe 1913
Quelle: Georg Trakl: Das dichterische Werk. München 1972, S. 13-14.
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