Ingrid Junge

Ingrid
Junge

24.11.1939
Hamburg
-
23.06.2013
Hamburg

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Gedanken für das Neue Jahr

Von Manuela Karp-Larisch 28.12.2015 um 10:58 Uhr | melden

Streben nach Glück und Wohlergehen

Wir sagen uns: Ich könnte nur dann Wohlergehen erringen,
glücklich sein, wenn alle anderen Wesen mich mehr liebten
als sich selbst. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit; aber
trotzdem leben wir; und all unser Tun, unser Streben nach
Reichtum, nach Ruhm, nach Macht ist nichts weiter als der
Versuch, die anderen zu zwingen, uns mehr zu lieben, als
sie sich selbst lieben.

Reichtum, Ruhm und Macht liefern uns ein Abbild einer
solchen Ordnung der Dinge; und wir sind nahezu zufrieden,
vergessen zeitweise, dass dies nur ein Abbild und nicht
Wirklichkeit ist. Alle Wesen lieben sich selbst mehr als uns,
und Glück ist unmöglich. Es gibt Menschen (und ihre Zahl
vergrössert sich von Tag zu Tag), die sich, ausserstande,
dieses Problem zu bewältigen, eine Kugel durch den Kopf
jagen, da sie meinen, das Leben sei ein einziger Betrug.

Und dennoch ist die Lösung des Problems mehr als einfach
und drängt sich geradezu von selbst auf. Ich kann nur dann
glücklich sein, wenn in dieser Welt eine Ordnung existiert,
bei der alle Wesen die anderen mehr lieben als sich selbst.
Die ganze Welt wäre glücklich, liebten alle Wesen nicht sich
selbst, sondern die anderen. Ich bin ein menschliches Wesen,
und die Vernunft erschliesst mir das Gesetz des Glückes für
alle Wesen. Ich muss dem Gesetz meiner Vernunft folgen -
ich muss die anderen mehr lieben als mich selbst. Der Mensch
braucht nur diese vernünftige Überlegung anzustellen, und
sogleich bietet sich ihm das Leben in anderer Sicht dar als
früher. Alle Wesen rotten einander aus; aber alle Wesen
lieben und helfen einander. Das Leben wird nicht durch
Ausrottung, sondern durch gegenseitige Sympathie der
Wesen erhalten, die sich in meinem Herzen als Gefühl der
Liebe äussert.

Sobald ich begonnen hatte, den Lauf der Dinge in dieser
Welt zu begreifen, erkannte ich, dass einzig und allein
das Prinzip der gegenseitigen Zuneigung den Fortschritt
der Menschheit bedingt. Die gesamte Geschichte ist nichts
anderes als die zunehmende Erkenntnis und Anwendung
dieses einzigen Prinzips der Solidarität aller Wesen. Die
vernünftige Überlegung wird damit durch die Erfahrung
der Geschichte und die persönliche Erfahrung bestätigt.

Aber abgesehen von der vernünftigen Überlegung findet
der Mensch den überzeugendsten Beweis für die Wahrheit
dieser Überlegung in seinem inneren Fühlen. Das grösste
dem Menschen erreichbare Glück, sein freiester, glücklichster
Zustand ist die Liebe. Die Vernunft erschliesst dem Menschen
den einzigen möglichen Weg zum Glück, und sein Fühlen
lenkt ihn auf diesen Weg.

(Leo N. Tolstoi 1828-1910, russischer Schriftsteller)

In Liebe von Deiner Ela

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