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von info am 20.07.2024 - 18:14 Uhr | melden
Eine Region trägt Trauer
(als der Burgenlandkreis in Tränen versank)
Ein emotionaler Tag neigte sich mir gestern dem Ende zu. Es war sehr aufwühlend. An einem Ort zu stehen, an welchem nur Stunden zuvor drei Menschen (der älteste unter ihnen gerade mal 21) völlig abrubt aus dem Leben gerissen wurden. Ein trauernder Vater, verständlicher weise nicht in der Lage bei sich zu sein und doch in der Dimension gefangen das sein geliebtes Kind nicht mehr nach Hause kommen wird. Ein in sich gekehrter Bruder. Schweigend an die Schwester bedacht, welche Er gerade verloren hat. Eine Anzahl an Freunden. Nicht an mehreren Händen ab zu zählen und ein Meer aus Blumen welches schweigend die Unfallstelle säumt, inmitten der Markierungen der Polizei.
Ja, es war in der Tat ein sehr emotionaler Tag der an einem jeden der inne hält und mitfühlend vor dem unbegreiflichen steht, nicht spurlos vorbei geht und noch lange beschäftigen wird...
Drei Kerzen für die drei verstorbenen Menschen welche gestern zwischen Naumburg und Schönburg ums Leben gekommen sind.
Wie komme ich zu dieser Stelle?
Das hier ist unsere Geschichte.
Es ist Samstag. Noch völlig planlos wie die Abendgestaltung aussehen soll, überrede ich meinen Kumpel René mit nach Naumburg auf das Kirschfest zu gehen. Nichts ungewöhnliches. Ist dieses Fest für mich eine Art Tradition. Vergleichbar mit Ostern oder Weihnachten. Wenn auch in der Welt natürlich nicht so bekannt. Der Abend verläuft schleppend. Die tropischen Temperaturen an jenen Tag leisten ihren Beitrag dazu. Als wir die Vogelwiese passieren und die Musik in dem ein oder anderen Zelt vernehmen. Beschließen wir, uns das Spiel der Deutschen Mannschaft, zu verfolgen. Mir ist nicht mehr bewußt in welchem der zahlreichen Zelte wir verweilten.
Nach spielende herrscht eine ausgelassene Stimmung. 2:0 Sieg für die DFB Elf über Dänemark. Viertelfinaleinzug perfekt gemacht. Yeah...
Alle die es nicht mit Fußball halten und dem Public Viewing fern bleiben. Genießen die Musik der Bands oder tauschen sich untereinander aus. Getreu dem Motto sehen und gesehen werden. Wer dem nicht nachkommen möchte, setzt sich auf eine der zahlreichen Bänke inmitten eines Zeltes.
Zeit um die Stimmung sowie den eigentlichen Sinn zu inhalieren. Zum Fußball schauen waren wir ja nun mal nicht hier her gekommen. All die farbenfrohen Lichter, die vielen Bands und die Menschen. Mitten im Leben und so unbekümmert.
Wenn ich an einer Person vorbei gehe bin auch ich analytisch. Bei dem ein oder anderen erkennt man ein bewegtes Leben heraus. Andere, eher unscheinbar oder undurchsichtig und viele, viele junge Menschen. Unbekümmert und ohne Sorgen wie es scheint. Man fühlt sich in die eigene Jugend zurück versetzt. Damals als man noch anders nach dem Leben schmachtete und die Sorgen des alltäglichen Lebens nichts mit Sterilität zu schaffen hatten.
So, es ist 23:45 Uhr. Ca. Mindestens 25 Minuten Fußmarsch von der Vogelwiese zum Hauptbahnhof. Mein Kumpel und ich entschließen uns deshalb zu rennen um 0:07 Uhr den letzten Zug zu erhaschen. Gar nicht so einfach bei diesen Temperaturen die auch zu später Stunde nicht nach lassen.
Während wir im Zug die Ankunft gen Heimat erwarten, tobt das Leben auf dem Kirschfest. Dem größten Volksfest der Region.
Vielleicht waren an jenen Samstag Abend ja auch Greta, Leonie und Laurenz zugegen. Vielleicht bin ich diesen unbewusst entgegen gekommen. In der Traube der vielen Menschen waren die meisten Jugendliche.
Sonntag jedenfalls sind die drei dort. Genießen das Leben und das Miteinander. Sie inhallieren das Bewusstsein eines einzigartigen kollektives.
Es ist Montag morgen gegen 5:00 Uhr. Meine Augen drohen sich mit jeder Bewegung zu verschließen. Ein paar Streichhölzer hätten hier Abhilfe verschaffen können und doch werden die imaginären Stützen von einem auf den anderen Moment durch den Schock ersetzt das es in der vergangenen Nacht um ca. 2:15 Uhr zu einem schrecklichen Unfall gekommen ist, infolge dessen drei Menschen ihr Leben ließen. Zwei weitere Personen überlebten die Tragödie.
Tränen werden nicht mehr trockenen und Schmerzen unausweichlich sein für das was so irreal erscheint.
Ich vertiefe mich um meine Gedanken nieder zu schreiben. Viele User werden binnen weniger Stunden ihr Beileid unter den verfassten Beitrag veröffentlichen.
Nur Stunden später wird mich Lars kontaktieren. Ein in Naumburg sehr bekanntes Gesicht. Schon sehr lange unterstützt er mich bei meiner Tätigkeit. Konfrontiert mich immer wieder mit Geschichten zu Verkehrsunfällen. Das nun eine weitere hinzu kommem wird ist Schock wie auch Einsicht zugleich. Die Einsicht hier so gut es geht einem jeden Trauernden zu helfen.
Also geht es am Montag erneut nach Naumburg. Nur wird der jetzige Weg, der, der Trauer. Im Zug befällt mich immer wieder eine Frage. Die nach dem Warum? Eine Frage die unbeantwortet bleiben wird.
Auch an jenen Tage ist der Zug gefüllt von Menschen Massen. Anhand vieler Gespräche in denen man unbewusst zum Zuhörer verkommt, wird der Unfall thematisch und doch neutral zum Gesprächsstoff. Ein Unterschied zum Samstag ist jedoch unverkennbar. Die enorme Stille der Fahrgäste. Herrschte am Wochenende noch so viel Leben unter den Menschen. So wich diese an jenen Tag der Stille.
Der von den Wolken befallene Himmel schließt seine Pforten mit einem sanften grau. Wenn man Gedankenlos aus den Fenstern des Abellio zu ihnen hinauf schaut, sind diese der Vorhang von dem was noch kommt.
17:00 Uhr. Ankunft in Naumburg. Nach einer Fahrt die ungewohnt, unsagbar lang erscheint warte ich auf die Straßenbahn. Nach einer halben Stunde kommt sie an. Auch in dem Verkehrsmittel ist nur eine Thematik vorhanden. Ich vernehme wie einer der Fahrgäste darauf hinweist das eines der Opfer später Lehramt studieren wolle um so den Kindern welche die Zukunft sind, Zukunft zu vermitteln. Ein beklemmendes Gefühl befällt mich.
17:38 Uhr. Ankunft am Curt-Becker Platz. An der ansässigen Tankstelle werde ich von Lars in Empfang genommen. Gemeinsam fahren wir zur Unfallstelle von Laurenz, Leonie und Greta. Bereits beim vorbei fahren sind einzelne Menschen zu sehen. Sie alle gedenken der Opfer dieser schlimmen Katastrophe. Wir entschließen uns an der Pferdekoppel unterhalb der Unfallstelle zu parken. Mit bedacht und Ehrfurcht, geleiten uns die Tränen der Ansammlung an Menschen zu jenen Ort.
Als wir angekommen sind, sind zwei junge Männer bereits dort anzutreffen. Einer von ihnen sagt uns der Bruder von einem der Verunglückten zu sein. Sekunden später hält ein Auto aus welchem ein Mann steigt. Er gibt sich als Vater eines anderen Opfers zu erkennen.
Völlig fassungslos und doch funktional, erläuft er mehrfach die Straße von oben nach unten ab. Irgendwann entschließt dieser sich den Abhang hinunter zu passieren. Er will an die mächtige Eiche. Dort wo der PKW mit der Rückseite zerschellte und wo zugleich sein Kind keine Überlebenschance hatte. Sowie die drei anderen Insassen des Unfallwagens.
Der Weg dorthin ist steinig. Mehrfach droht der Mann zu entgleiten und schafft es doch immer wieder sich im letzten Moment zu halten. Wie gern hätte ich ihn zu diesem schweren Gang geleitet. Doch hinderte mich innerlich etwas daran. Ich wollte ihn erst einmal für sich sein lassen. Der hiesige Baum zu welchem der Weg des Mannes führt. Er muss um die 200 Jahre alt sein. Die Leben welche daran verinnten hingegen, zusammen gerechnet erst 40.
Nur wenig später kommen weitere Menschen an die Stelle. Alles Jugendliche im Alter von Greta, Laurenz und Leonie. Sie entzünden Kerzen, legen Blumen nieder. Rauchen und nehmen sich in die Arme.
Eine kleine Kondolenzkarte wird von Lars, dem Bruder eines Mädchen welche unter den Opfern ist sowie dessen Freund und mir unterschrieben und neben die von uns mitgebrachten Blume gelegt.
Lange Zeit halten wir inne. Die Ruhe wird nur hin und wieder von den Motorengeräuschen der an uns vorbei fahrenden Autos unterbrochen.
Um 18:30 Uhr fahren alle geeint zum Kirschfest Menschen die sich kennen aber auch völlig fremde welche Lars und ich für die Jugendlichen sind, verbindet die Trauer.
Pünktlich um 19:00 Uhr kommen wir an. Drei Schweigeminuten wurden einberufen. Für alle drei Leben. Anschließend geleiten uns um 19:03 Uhr die Ordner über das Festgelände bis hin zu einem Platz an welchem erneut inne gehalten wird. Die Massen werden größer und man bekommt den Eindruck das auch völlig Fremde und Außenstehende ein Teil des Ganzen werden. Blumen werden niedergelegt und Kerzen entzündet. Man bekommt das Gefühl das diese mit ihrem Schein den des Riesenrades direkt am gegenüberliegenden ende überscheint.
Nachdem sich alles lichtet, gehen Lars und ich abseits der Hinterbliebenen noch gedankenlos durch die nächtlichen Straßen von Naumburg. Philosophieren und machen uns Gedanken. Irgendwann gegen Mitternacht trennen sich auch unsere Wege. Nicht für immer. Nur dem Moment sowie des beruflichen Alltags von Lars geschuldet. Dennoch im Sinne all der Angehörigen auch künftig tätig zu sein.
Als Mein Zug um 0:33 Uhr mit achtminütiger Verspätung ankommt bin ich diesem nicht sauer. Es hält sich nicht verborgen wie gleichgültig mir alles erscheint. Früher hätte ich die Verspätung vermutlich verdammt und in mich hinein gebrummelt. Heute jedoch ist es anders. Was ist schon eine Zugverspätung im Vergleich zu Menschenleben...
Irgendwann um kurz nach 1:00 Uhr in Weimar angekommen und eine halbe Stunde später zuhause. Wird mein Weg mich nicht auf meine Schlafcouch führen,
Wer diese Geschichte kritisch betrachtet, ist vielleicht von Emotionen fern. Es ist vielleicht meine emotionalste. Vielleicht weil auch alles noch so frisch ist. Ich war in Gedanken mit Mir am Unfallort. Die Zeilen liefen von selbst. Ich musste nicht denken. Die Gedanken haben den Schriftführer ersetzt. Sowie meine Gedanken an die verstorbenen und dessen Familie und Hinterbliebenen.
Eigentlich sollte das Kirschfest zum Anlaufpunkt vieler Menschen werden. Nun ist es die Unfallstelle. Ein Gedanke jedoch umklammert mich. Wärend die Händler ihre Stände auf dem Volksfest abbauen. Wird die Unfallstelle immer größer mit einem Bewusstsein. Das die Trauer an drei viel zu früh gegangene Menschen niemals abbauen sondern zunehmen wird. Für jeden der diesen Ort der Stille betritt.
Philipp Bursian (Initiator des Projektes Straßenkreuze; Denn jedes ist eines zuviel.)





