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von Karola Zühlke am 17.01.2014 - 12:45 Uhr | melden
„Wir müssen immer lernen, zuletzt auch noch sterben lernen.
Zum Gedenken an Prof. Dr. Marianne Bröcker (1936-2013)
Dieser Nachruf wurde von Heidi Christ in der Zeitschrift "Fränkische Volksmusikblätter", 2013/4 und in der Zeitschrift "Volksmusik in Bayern", 2013/4 veröffentlicht
Am 4. August 2013 ist Marianne Bröcker buchstäblich „der Welt abhanden gekommen“, in Gedern/Wetterau, wohin sie erst wenige Wochen zuvor gezogen war, um nach einer weiteren Bestrahlung „wieder auf die Beine zu kommen“. In aller Stille ist sie von dieser Welt abberufen worden. Eine öffentliche Trauerfeier hatte sie sich verbeten und auf einer anonymen Bestattung bestanden. Weil sie kein großes Aufheben um die Krankheit gemacht hatte, die sie seit Jahren ertragen musste, traf die Nachricht von ihrem Tod Viele unvorbereitet. Bis zuletzt hatte sie an unterschiedlichen Projekten gearbeitet, obwohl die Krankheit sie wohl weit mehr eingeschränkt hat, als sie es sich selbst eingestehen wollte.
Marianne Bröcker verschlug es 1985 an die Bamberger Universität. In der bayerischen und fränkischen Volksmusikforschung und -pflege hat sie von dort aus tiefe, wenngleich wenig bekannte oder gar erkannte Spuren hinterlassen. Mit ihrer gewinnenden Art hat Marianne Bröcker es geschafft, unzählige Musikanten, Tänzer, Instrumentenbauer, Volksmusikforscher und -pfleger, Studenten für die Musikethnologie zu begeistern und ihnen die Faszination des Faches leidenschaftlich zu vermitteln.
Von 2002 bis 2011 hat sie die Seminarreihe "Volkstänze lernen, lehren, dokumentieren" der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik kontinuierlich mit Tänzen und Fachvorträgen bereichert. Auch brachte sie eigene Beiträge in die Seminarreihe „Volksmusikforschung und -pflege“ ein und hat ihre Studenten zu eigenen Referaten ermutigt. Für den Bayerischen Rundfunk, Studio Franken erarbeitete sie regelmäßig Sendungen für die Sendereihe „Musik der Welt“. Ihre letzten Features „Karneval, Fasching, Fastnacht und andere Frühjahrsfeste, wurden am 26. und 27.01.2013 ausgestrahlt.
Sie war weit über akademische Belange hinaus nach und nach Lehrerin von Karlheinz Fischer (Amt für Kultur und Freizeit Nürnberg), Steffi Zachmeier (Musikantin und Rund-funkmoderatorin, Nürnberg), Heidi Christ und Christoph Meinel (Forschungsstelle für fränkische Volksmusik), Evi Heigl und Christoph Lambertz (Beratungsstelle für Volks-musik Bezirk Schwaben, Krumbach) und David Saam (Musiker, Bamberg).
Marianne Bröcker wurde am 1. November 1936 in Greifswald geboren. Ihre Grundschulzeit verbrachte sie in Velpke (Niedersachsen). Für den Besuch des Gymnasiums musste sie schon als 10jährige große Strapazen auf sich nehmen. Regelmäßig fuhr sie in den frühen Morgenstunden mit dem Zug in das knapp 40 km entfernte Braunschweig, das zu den am schwersten zerstörten deutschen Städten gehörte. Erst gegen 22 Uhr war sie wieder zu Hause. Ihre Schularbeiten erledigte sie häufig im Kino. Dort war es wenigstens warm.
Von 1956 bis 1959 studierte sie an der Deutschen Sporthochschule Köln und an der Universität zu Köln Mathematik. Ihre Diplomarbeit erstellte sie zum Thema „Die Bedeutung Fritz Schröders für die Erneuerung des deutschen Turnens“. Sie war von 1960 bis 1965 am Mädchengymnasium Elly-Heuss-Knapp-Schule in Bonn tätig. Ein Sportunfall mit schweren Kopfverletzungen zwang sie, alles neu zu erlernen, sich praktisch neu zu erfinden. Paartänze mit Drehungen wie z.B. Walzer konnte die passionierte Turniertänzerin fortan allerdings nur noch unter großen Schwierigkeiten tanzen.
In den Jahren ihrer Rekonvaleszenz sollte sie ihrem Leben eine völlig neue Orientierung geben. 1965 begann sie, Musikwissenschaft und Alte und Neuere Geschichte an der Universität Bonn zu studieren. 1970 promovierte sie mit einer Dissertation über die Drehleier bei Prof. Dr. Martin Vogel, bei dem sie auch Systematische Musikwissenschaft gehört hatte. Die Arbeit erschien 1973 in Vogels Verlag für systematische Musikwissenschaft in der Orpheus-Schriftenreihe unter dem Titel „Die Drehleier. Ihr Bau und ihre Geschichte“. Bis heute gilt sie als Standardwerk in der Drehleier-Forschung und wird auch in der Drehleierszene weltweit hoch geschätzt. Namhafte Bibliotheken in der ganzen Welt verzeichnen sie in ihren Bibliothekskatalogen. Unzählige Webseiten verweisen auf den Titel. Www.hurdygurdy.com hat 2005 eine englische Übersetzung ins Internet gestellt.
Mit der Promotion begann Marianne Bröcker ihre universitäre Laufbahn, indem sie zunächst verantwortlich war für die Organisation des Internationalen Musikwissenschaftlichen Kongresses der Gesellschaft für Musikforschung in Bonn. Es folgten Mitarbeit und Lehrtätigkeiten an der Universität Bonn (Studium Universale), am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Bonn, an den Universitäten Düsseldorf und Köln (Institut für Musikalische Volkskunde) sowie an der Universität Göttingen. Von September 1985 bis April 1986 vertrat sie erstmals die Professur für Volksmusik unter besonderer Be-rücksichtigung des fränkischen Raumes an der Fakultät Pädagogik, Philosophie, Psychologie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Von März 1987 bis Dezember 1996 hatte sie erneut die Vertretung der Professur inne, die in dieser Zeit auf ihre Initiative hin die weniger einschränkende Bezeichnung „Volksmusik“ erhielt. Bis zum „Umzug“ des Lehrstuhls (nun unter der Bezeichnung Ethnomusikologie/Volksmusik) an die Juli-us-Maximilans-Universität Würzburg 2007 hielt sie weiterhin zahlreiche Lehrveranstaltungen an der Professur ab, ihre beliebten Tanzstunden fanden bis Weihnachten 2012 statt.
In all den Jahren hat Marianne Bröcker unaufhörlich Habilitations-, Promotions-, Magister- und Abschlussarbeiten angebahnt, inspiriert und begleitet. Sie führte unzählige Vortragsveranstaltungen, Kurse und Arbeitswochen in Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und weiteren Ländern zu den Themen Volksmusik, Volksmusikinstrumente, Musikethnologie und vor allem Tanzforschung durch, organisierte Tagungen und Ausstellungen. Die Verbindung von Wissenschaft und musikalischer Praxis lag ihr sehr am Herzen. Gern teilte sie ihr umfangreiches Wissen und ihren großen Schatz an Tonaufnahmen z.B. bei Hörfunksendungen mit der breiten Öffentlichkeit. So war sie auch als Jurorin bei Wettbewerben, Organisatorin und Referentin anlässlich der Rencontres internationales de luthiers et mâitres sonneurs in Saint-Chartiers (Frankreich) tätig. 2011 erhielt sie dafür eine Auszeichnung.
Sie war in vielen Ländern der Erde unterwegs, um deren Tänze, Lieder und Musiken und nicht zuletzt deren Menschen kennenzulernen. Ausgedehnte Feldforschungsreisen führten sie mehrmals in den 1980er und 1990er Jahren nach China, wo sie sich vor allem der Untersuchung der Geschichte der chinesischen Oper widmete, welche beileibe nicht in Peking angesiedelt ist. Im Rahmen ihres letzten großen Auslandsaufenthalts nahm sie einen Lehrauftrag am Graduate Institute of Ethnomusicology an der Taiwan National University of Arts in Tainan wahr.
Einen großen Teil ihrer Schaffenskraft stellte sie national und international tätigen wissenschaftlichen Vereinigungen zur Verfügung. Sie war Vorsitzende der Kommission zur Erforschung musikalischer Volkskulturen (ehemals Kommission für Lied-, Musik- und Tanzforschung) in der deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Präsidentin des Nationalkomitees des International Council for Traditional Music (ICTM) Deutschland sowie Mitglied im Präsidium und in vielen Studiengruppen dieser weltweit tätigen UNE-SCO-Organisation. Im März 2013 wurde Marianne Bröcker noch zum ersten Ehrenmitglied des ICTM ernannt.
Ihrem Nachlassverwalter Manfred Bartmann fällt nun die Aufgabe zu, ihren Nachlass Institutionen anzubieten, in denen nach Marianne Bröckers Willen damit weiter gearbeitet wird. Zwei Autoladungen voller Instrumente sowie instrumentenkundlicher Literatur wurden bereits nach Lißberg an das dortige Musikinstrumentenmuseum verbracht, für das sie sich ehrenamtlich engagiert und bis zuletzt die Fachaufsicht über die Inventarisierungsarbeiten wahrgenommen hat. Deutsche und europäische Literatur zu Volksmusik, Volkslied und Volkstanz sowie zu Wissenschaftsgeschichte und Musiktheorie bereichern die Bibliothek der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik. Asiatica, Africana, AV-Medien, Feldforschungsmaterialien und nicht abgeschlossene Arbeiten werden dokumentiert. Sie sollen ihrem Wunsch gemäß wissenschaftlichen Einrichtungen zur Verfügung gestellt werden.
Marianne Bröcker verfügte über ein riesiges, ganz und gar Facebook-unabhängiges soziales Netzwerk. Darüber pflegte sie Kontakte in sehr viele Länder. Bis zuletzt standen Freunde und Kollegen regelmäßig mit ihr in telefonischem Kontakt. Andere besuchten sie. Wieder andere standen ihr in alltäglichen Belangen bis hin zum Vollzug ihrer Patientenverfügung zur Seite. Umgekehrt hatte sie für alle ein offenes Ohr, war ihnen verlässliche Freundin und Kollegin. Ihr lebenslanges Lernen endete mit der wohl größten Herausforderung eines jeden Lebens, dem „Sterben-Lernen“.
Friede möge sie umgeben wie ein kostbarer Ring,
er möge sie umschließen von Anfang bis zum Ende
und für das Böse bleibe keine Lücke.





