Von deiner Lydia und Natalia 24.10.2017 um 19:37 Uhr | melden
Es weht der Wind so kühl, entlaubend rings die Äste,
Er ruft zum Wald hinein: Gut Nacht, ihr Erdengäste!
Am Hügel strahlt der Mond, die grauen Wolken jagen
Schnell übers Tal hinaus, wo alle Wälder klagen.
Das Bächlein schleicht hinab,
von abgestorbenen Hainen
Trägt es die Blätter fort mit halbersticktem Weinen.
Nie hört ich einen Quell so leise traurig klingend,
Die Weid am Ufer steht, die weichen Äste ringend.
Und eines toten Freunds gedenkend
lausch ich nieder
Zum Quell, der murmelt stets:
wir sehen uns nicht wieder!
Horch!
Plötzlich in der Luft ein schnatterndes Geplauder:
Wildgänse auf der Flucht vor winterlichem Schauder.
Sie jagen hinter sich den Herbst mit raschen Flügeln,
Sie lassen scheu zurück das Sterben auf den Hügeln.
Wo sind sie?
Ha! wie schnell sie dort vorüberstreichen
Am hellen Mond
und jetzt unsichtbar schon entweichen;
Ihr ahnungsvoller Laut läßt sich noch immer hören,
Dem Wandrer in der Brust die Wehmut aufzustören.
Südwärts die Vögel ziehn mit eiligem Geschwätze;
Doch auch den Süden
deckt der Tod mit seinem Netze.
Natur das Ewge schaut in unruhvollen Träumen,
Fährt auf und will entfliehn
den todverfallnen Räumen.
Der abgerißne Ruf, womit Zugvögel schweben,
Ist Aufschrei wirren Traums von einem ewgen Leben.
Ich höre sie nicht mehr,
schon sind sie weit von hinnen;
Die Zweifel in der Brust den Nachtgesang beginnen:
Ists Erdenleben Schein? – ist es die umgekehrte
Fata Morgana nur, des Ewgen Spiegelfährte?
Warum denn aber wird dem Erdenleben bange,
Wenn es ein Schein nur ist, vor seinem Untergange?
Ist solche Bängnis nur von dem, was wird bestehen,
Ein Widerglanz,
dass sein Bild nicht will vergehen?
Dies Bangen auch nur Schein? –
so schwärmen die Gedanken,
Wie dort durchs öde Tal
die Herbstesnebel schwanken.
von N. Lenau



