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von Michaela Schuster am 11.11.2013 - 16:43 Uhr | melden
Kapitel 9
Spiritualität und Religion:
Den Weg finden
„Religion“ ist eine Gemeinschaftsäußerung des Glaubens, ein gemeinsames System von Überzeugungen und Werten und eine gemeinsame Weltanschauung. Die Religion gibt unserem individuellen System von Überzeugung eine Feste Form und Gestalt und unserer Spiritualität eine Richtung.
Obwohl wir alle an der Spiritualität teilhaben, sind die meisten von uns auch mit einem formalen System von Überzeugungen und Werten aufgewachsen – mit anderen Worten: mit Religion. Als Erwachsene haben wir uns vielleicht fest an die Religion und den Glauben gehalten, in dem wir erzogen wurden. Vielleicht haben wir aber auch unsere früheren Überzeugungen in Frage gestellt und sie geändert oder verbessert oder sogar ganz und gar gewechselt. Vielleicht haben wir uns auch von jedem formalen System getrennt und unseren eigenen persönlichen Glauben entwickelt, unsere Art der Verbindung mit dem Transzendenten.
Was wir auch bis zum Tod unseres Kindes geglaubt hatten, die meisten von uns fanden ihren Glauben und ihre Religion, wenigstens am Anfang, durch den Verlust ihres Kindes sehr erschüttert. Harold Kushners Buch „ Wenn guten Menschen Böses widerfährt“ erklärt meiner Meinung nach das Problem sehr gut für die Menschen, die an ein Höheres Wesen glauben. Er sagt, viele von uns treten dem Tod ihres Kindes gegenüber und stellen fest, dass das, was sie glauben, nicht zu dem Verlust ihres Kindes zu passen scheint. Wir glauben, dass Gott gut und allmächtig ist. Doch wenn Gott gut und allmächtig ist, wie konnte unser Kind dann sterben? Warum rettete Gott unser Kind nicht? Geschah das, weil Gott nicht nur gut war? Oder nicht allmächtig? Wie können wir uns im Angesicht unseres Verlustes weiter an diese beiden Überzeugungen halten? Manche von uns tun es nicht und verlieren ihren Glauben. Manche finden einen Weg, diese Überzeugungen mit ihrem Verlust in Einklang zu bringen und bleiben gläubig. Und andere, die vielleicht vor dem Tod ihres Kindes eigentlich nicht religiös waren, finden neue Kraft und Hoffnung in der Religion.
Jeder Elternteil geht mit diesem Problem anders um, und das belastet bereits wackelige und überlastete Ehen noch mehr, Es ist nicht Ungewöhnliches, wenn sich ein Elternteil auf der Suche nach Hilfe in brünstig und ernsthaft der Religion zuwendet und Trost und Stütze dort findet, während der andere Elternteil jede Hilfe ablehnt, den Glauben an Gott, der „dies geschehen lies“ zurückweist und sich vom früheren Glauben und vorherigen Gewohnheiten abwendet. Insbesondere am Anfang ist es wichtig, dass wir uns den Freiraum zugestehen und einander anerkennen, ganz gleich wie weit wir den Verständnis der Religion oder des Todes unseres Kindes sind.
Viele Eltern sind „zornig auf Gott“, weil er ihr Kind „ genommen“ hat. Dieser Zorn, oder Vorwurf, kann sich darin ausdrücken, dass Sie religiöse Gewohnheiten und den Besuch von Kirche, Synagogen oder Tempel aufgeben. Sie sind sich vielleicht Ihres Zorns bewusst und vermeiden absichtlich jeden Kontakt mit religiösen Institutionen, oder vielleicht halten Sie sich fern oder suchen Entschuldigungen, ohne sich der Gründe bewusst zu sein.
Andere Eltern hingegen fühlen sich näher bei Gott. Eltern können unmöglich einen triftigen Grund für den Tod ihres Kindes finden. Dennoch können sie vielleicht Trost in dem Wissen finden, dass es einen Grund gibt, Gottes Grund – einen Grund, den die Menschen nicht erfahren werden. Das Akzeptieren eines solchen Glaubens kann den Eltern helfen mit der Tragödie, die geschehen ist, zurechtzukommen.





