Mit einem Geschenk hinterlassen Sie Ihr persönliches Zeichen in Gedenken an Ramona von Vogtareuth. Veredeln Sie jetzt diese Gedenkseite durch ein Geschenk in Ihrem Namen.
von noname am 02.06.2024 - 12:55 Uhr | melden
Hallo Ramona,
heute finde ich endlich die Zeit – oder besser gesagt, ich nehme mir die Zeit, was wohl eine gewisse professionelle Art ist (schmunzel) – dir ein paar Zeilen zu schreiben. Obwohl das Jahr noch nicht einmal zur Hälfte vorbei ist, kann ich mich nicht über einen Mangel an Extremen beklagen. Auch meine Gesundheit hat sich von ihrer besten Seite gezeigt. Wenn ich an dich und die Kinder denke, wird mir bewusst, dass es schon vier Jahre her ist, seit ihr gegangen seid. Ich kenne andere ähnliche Fälle, und besonders wenn Eltern ihre Kinder mit in den Tod genommen haben, bleibt die Frage nach dem Warum groß.
Ganz klar: Es ist absolut inakzeptabel, einen anderen Menschen gegen seinen Willen mit in den Tod zu nehmen, es sei denn, dieser stimmt ausdrücklich zu.
Natürlich stellt sich am Rande auch die Frage des Suizids, doch ich denke, dieser Begriff trifft hier nicht zu. Jeder Mensch sollte meiner Meinung nach frei entscheiden können, was er tut oder nicht tut. Man muss keine große Show daraus machen, und nicht alles muss verständlich sein. Freiheit kann manchmal sehr eigensinnig sein. Man sollte nicht versuchen, die Situation zu bewerten, denn jeder Mensch ist einzigartig. Für manche ist der Tod unabdingbar bei einem kleinen Kratzer, während andere denselben Kratzer nicht einmal bemerken. Jeder sollte in Extremsituationen selbst entscheiden dürfen.
Die Menschheit tickt auf vielen Ebenen, manchmal jedoch anders. Es überrascht mich nicht, dass ein kleiner Kratzer ausreichen kann, um die Hölle zu erleben. Deine damalige Lage kenne ich nicht genau, und sicher gab es nach deinem Empfinden Aspekte, die du als extrem empfunden hast. Jeder kennt solche Situationen, und jeder sollte sich zurückversetzen und überlegen, wie man sich gefühlt hat – allein, einsam, ängstlich, besorgt. Oft stellen sich die Leute die Zukunft vor, was oft ein Fehler ist.
Du kennst mein oberstes Motto: memento mori.
Dies ist der einzige Aspekt, den ein Mensch über seine Zukunft sicher sagen kann, und es wird garantiert eintreffen. Egal was man tut oder lässt – memento mori. Der Mensch kann den genauen Zeitpunkt nicht bestimmen, selbst wenn er seinen Tod plant. Natürlich gibt es auch Fälle wie deinen, bei denen memento mori für dich und die Kinder einen bestimmten Tag, eine bestimmte Stunde, Sekunde bedeutete.
Man könnte nun endlos über das Warum diskutieren.
Wenn es mir gelungen ist, Menschen durch die Hölle zu bringen, interessiert es mich manchmal, was aus ihnen geworden ist. Manchmal ist es schön, manchmal weniger, aber der Fakt bleibt, dass diese Menschen die Hölle überlebt haben. Auch bei dir war es manchmal so, denn Extreme kommen selten unerwartet. Die meisten Extreme zeigen sich schon lange vorher, sind aber sehr komplex und schwer zu erklären.
Wie auch immer, ich hätte dir von deinem Plan abgeraten, und ich hätte es verstanden, wenn du vorher darüber gesprochen hättest. Natürlich sah ich in dir die Sportskanone, aber ich sah auch den Menschen, was weit wichtiger war. Vorwürfe mache ich mir nicht. Deine Entscheidung, zu gehen und die Kinder mitzunehmen, wurde meiner Meinung nach sehr schnell getroffen, vielleicht in einem Bruchteil einer Sekunde. In diesem Bruchteil hätte ich noch die einzige Option gehabt, mich zwischen Waffe, Kugel und Körper zu werfen, und wahrscheinlich wären es dann vier Tote geworden. Du weißt ja, im Extrem neige ich zu Extremen, wenn es auch nur einen Funken Hoffnung gibt.
Anders betrachtet hätte ich mich aus eigenem Ermessen mit in den Tod begeben. Das klingt extrem.
Ich hatte ähnliche Situationen im Krieg, wo ich überzeugt war, nicht lebend zurückzukommen.
Warum ich in solche Situationen ging? Ganz einfach: weil es mein Job war.
Hin und wieder gibt es diese Jobs noch – Krieg – und viel hat sich nicht geändert. Aber es gibt auch ein Leben nach dem Krieg, wo man Menschen wie dich trifft. Es klingt absurd, aber unter anderen Umständen wären wir bitterböse Feinde gewesen, und dennoch fand diese Zeit ein Ende. Für mich warst du nie Feind oder Freund, du warst einfach nur Mensch.
Nun, liebe Ramona, liebe Kinder, die nächsten Extreme warten auf mich. Bald werde ich wieder in deiner alten Heimat sein, und wenn ich dir und den Kindern dann so nahe komme, werden die Erinnerungen intensiver. Was mich in solchen Phasen immer noch stört, ist dieses Todschweigen. Klar, was du getan hast, war extrem, aber wir sind alle Menschen und sollten uns unsere Menschlichkeit bewahren. Leider ist das bei vielen verloren gegangen, und so wundert es mich nicht, dass Extreme noch extremer werden und es Dinge gibt, die man nie wirklich erklären oder begreifen kann.
Liebe Grüße





