Mit einem Geschenk hinterlassen Sie Ihr persönliches Zeichen in Gedenken an Ramona von Vogtareuth. Veredeln Sie jetzt diese Gedenkseite durch ein Geschenk in Ihrem Namen.
von No Name am 21.04.2026 - 15:19 Uhr | melden
Ich finde es sehr gut, dass auch kritische andere Stimmen hier vorgetragen werden, denn gerade Kritik regt mich an, über Dinge nachzudenken. Deshalb möchte ich heute mal etwas aus dem Blickwinkel von Hinterbliebene schreiben.
Wie schon an anderer Stelle beschrieben weiß ich sehr gut, wie das so ist, wie sich das anfühlt und bald jährt sich ein anderer Gedenktag. Dann ist es 32 Jahre her. Meine Frau, unsere kleinen Kinder (Babys) und ich sollten umgebracht werden. Ich überlebte. Der Täter gefasst, geständig und rechtskräftig verurteilt. Drei Menschen an einem Tag zu verlieren ist extrem.
Meine Familie: Es war ein anderer Tatort, der so grausame Szenen zeigte, dass selbst gestandene Beamte am Ende ihrer Kraft waren. Selbst die damalige Notärztin war am Ende. der Fahrer des NAW war so daneben, dass er beim Rückwärtsfahren einen Pfosten übersah. Ich durfte mir den Tatort ansehen. Ich kannte das Grauen, was ich zu sehen bekommen sollte aus den Kriegen, die wir überlebten. Diesmal aber war es meine Familie. Sie waren schrecklich zugerichtet und kochendes Wasser spielte eine Rolle bei der Sache. Überall in der Wohnung waren Blut und Teile vom Kopf. ihre Körper waren so schlimm zugerichtet, dass man später bei der Beisetzung nur den Kopf aus der Decke zu sehen bekam, der deutliche Spuren zeigte und man es für wichtig empfand, selbst da nur zwei Polizeibeamte und mich drauf schauen zu lassen.
Die Trauerfeier. Ach je es kamen so viele und kaum wen kannten wir. Auf der Trauerfeier waren damals auch hochkarätige Leute aus der Politik. genau solche, die uns den Orden nachgeworfen haben, uns ausgezeichnet haben, weil wir für sie im Krieg durch die Hölle gegangen sind. Da war sogar die Presse und es wurde live übertragen. Was ich später einmal beobachtete, als jeder nach vorne zu ihrem Bild gehen konnte, trat ich als letzter heran. In diesem Augenblick konnte man eine Stecknadel fallen hören, sogar das Surren der Kameras war zu hören.
Etwa 25 Jahre später fragte ich mal an dem Ort, wo wir studieren, wie es denn um Gedenkfeiern aussehe. Wisst ihr, was auf die Antwort kam? Man könne sich an den Fall nicht erinnern ob es denn überhaupt ein beweis gäbe.
Ich war so richtig sauer.
Ich schickte eine Kopie der Original Zeitungsausschnitte und andere Kopien von originale die ich bis heute sehr gut gesichert aufbewahre. Was kam als Reaktion?
Nichts.
Bis heute gedenkt man dort anderen Opfern, die wie auch immer verstorben sind, aber uns gedenkt man dort nicht.
Nun zu Ramona. Wie ich schon an anderer Stelle ausdrückte, sagte mal jemand, der mit Geheimdiensten und Sondereinheiten zu tun hat, dass es Akten gibt, die nicht jeder einsehen kann. Ich bin nicht jeder. Tatort Bilder usw. ist mir wohl bekannt. Ich sah auch die Leute, die dort eintrafen und agierten. Viele waren an ihrer Grenze.
Ich muss und will es in aller deutlichkeit sagen und achte dabei kein geheimnisverrat zu begehen:
Ramona und ich waren wie Bruder und Schwester im Kampf. Wir sind privat und auf anderen Ebenen durch Dick und Dünn gegangen und wir waren kein Liebespaar oder eine Affäre oder sowas. Wir waren das, was die Gesellschaft wohl nicht mehr so kennt: wahre Freunde.
Und da war es wieder: plötzlich hatte ich drei Menschen verloren.
Ja natürlich dachte und denke ich an die Familienmitglieder, an Kollegen, Mitschüler der Kinder, an Lehrer, an Sportsfreunde usw. Ich weiß sehr gut, was sie damals wie heute erleben und was man da durch macht und wie schon an anderer Stelle gesagt, es ist manchmal wie ein Krieg nach dem Krieg.
Ich denke genau diese Menschen verstehen diese Umschreibung jetzt sehr gut und stimmen mir da zu während andere die noch nie sowas erlebten eher sagen könnte ach der übertreibt doch.
Am Ende solcher anderer Kriege geht es nicht mehr darum, die Schuld bei anderen oder sich zu suchen. Es gilt zu lernen, damit umzugehen, was geschehen ist. Man kann Täter Täter nennen und Opfer Opfer und wie auch immer. Es hat kein Gewicht mehr. Du spürst diese Leere den Verlust und da ist es dir so restlos egal wie was warum passierte. Es tut einfach nur weh. Ja, bei mir auch nach fast 32 Jahren noch und das wird bis ans Ende meiner Tage auch so sein.
In jedem Fall gibt es dann eine ganze Fülle an Aspekten. Das fängt vom tollen Leben an, kann über Mobbing bis hin zu schweren Schicksalsschlagen reichen. Alles möglich, doch es hat kein Gewicht mehr. Was ich mir damals bei meiner Familie sagte, klingt extrem hart, hat aber andere und mich schon vor schweren Folgen bewahrt. ich sagte:
sie sind tot.
Genau das sagte ich mir auch bei Ramona und den Kindern. Der Fall (Hergang) war offiziell geklärt Akte zu fertig. Natürlich gab es dies und das in ihrem Leben, doch es spielt keine Rolle mehr. Ja und Thema Mobbing, da sollte man einfach mal nachdenken, denn wenn Mobbing dazu beiträgt, dass ein Tim K in Winnende Amok läuft oder Ramona lieber stirbt dann muss man einfach mal nachdenken, wie gewichtig dieses Mobbing sein kann. Oder das “benutzt” werden. Kommt sowas noch drauf, dann sind die Menschen schnell an ihren Grenzen. Vieles trägt in der Regel dazu bei, dass Menschen “nicht mehr können”.
Ich hatte das Privileg, Leute wie Tim K in seiner letzten “Aktion” zu sehen. Er war von einem Beamten gezielt angeschossen worden. Der Treffer, salopp gesagt, würde jeden Menschen schlicht kampfunfähig machen, doch Tim K stand aufrecht weinend, setzte die Waffe an und Tod. Menschen in solchen Situationen sind sehr salopp gesagt nicht mehr in dieser Welt. Du hältst sie nicht mehr auf. Bei Ramona wird es so ähnlich gewesen sein.
Es gibt weltweit nur eine Handvoll ähnlicher Fälle, wo zuvor absolut kein sichtbarer Grund zu erkennen war. Bei Ramona war das nicht der Fall, da war genug zu sehen und genau diese Masse ein Einwirkungen trägt dazu bei, dass Menschen sehr schnell an Grenzen kommen.
Ich finde es ehrlich sehr überheblich, wenn Leute sagen “ach das kann mir nie passieren”. Jeder Mensch hat seine Grenze und viele stehen eher ganz schnell an so einer Grenze und dann wird es meistens extrem. Ich erinnere mich an einen anderen Fall. Ein Mann wäre ins soziale Abseits geraten und zog es vor, auf einen Hochsitz zu gehen und dort zu verhungern, was dann Wochen später geschah. Ich hatte auch hier ein Privileg - ich durfte sein Tagebuch lesen. Schade das man nie zustimmte dieses Tagebuch zu veröffentlichen denn man hätte garantiert viel gelernt und was passiert wenn andere an grenzen kommen und salopp und hart gesagt die Gesellschaft versagt.
Ich klage dieses Versagen nicht an und weise lediglich darauf hin.
Ramona hatte Freunde, Kollegen , Sportsfreunde und Familie. Ihre Welt aber muss nicht die Schuld bei sich selbst suchen. Ich will es mal so sagen, jeder gab wohl sein Bestes und jeder hat richtig agiert. Dennoch: Wir kommen in den Bereich der Extreme dieser Welt, dem Krieg nach dem Krieg und das ist eine der wohl härtesten Ebenen, die man sich vorstellen kann.
Ich lernte die Umschreibung im Krieg kennen. Viele sagten, wenn der Krieg vorbei ist, erschieße ich mich und fragte warum. Sei doch froh, wenn diese Hölle hier vorbei ist. Einer sagte mal (da war ich noch jung) "Ach Junge, das hier ist nur der Vorhof der Hölle, die wahre Hölle kommt danach”.
Wenn jemand wie Ramona “benutzt” wurde, dann war das der krieg den sie überlebte, aber dann kam das danach.
Ja, Ramona war nie im Krieg. Ich lasse es einfach so stehen. Ist auch egal. Aber Krieg muss nicht immer Panzer und Granaten bedeuten. Wurdest du schon mal benutzt? Dann weißt du wie weh es tun kann, genauso als wenn dich ein Granatsplitter trifft. Schlimm ist bei der ersten Option, es bleiben kaum sichtbare Wunden und man tut es dann schnell ab. Doch “drinnen” kannst du genau so schlimm verwundet werden wie “draußen” und drinnen hatte Ramona so einiges abbekommen.
Sie erkannte und wusste sich Hilfe zu suchen und an der Stelle sei auch mal gesagt, da gab es sehr wohl andere wahre Freunde, Familie, Kollegen, Sportsfreunde, die da waren.
Aber wie schon gesagt, du kannst in Extreme kommen und diese ganzen Hilfen, die absolut gut und richtig und wichtig sind, haben einfach nicht die Stärke, die man Leuten wie mir mit auf den Weg gab. Unendlich viel Erfahrung und Ausbildungen, die nicht jeder erleben kann. Stunden Büffelei und Praxis und dies und das.
Ach ja, angemerkt: Viele stellen sich Sondereinheiten so vor, dass sie wie Roboter verkleidet mit hochmodernen Waffen umher laufen. Das ist bestenfalls ein kleiner teil der Ausbildung. Richtige Profis werden auf Ebenen Ausbildung erfahren, von denen man nicht mal ahnt, sowas drauf haben zu müssen.
Mal ein kleiner Einblick: Unsere Ausbilder sagten, wir müssen euch nackt wann und wo und wie auch immer irgendwo absetzen und wenn wir in zehn Jahren wiederkommen, müsst ihr nicht nur überlebt haben, sondern ein eigenes Dorf mit funktionierender Infrastruktur aufgebaut haben.
Wir lernten solche Sachen für meistens das, was ihr als Krieg kennt, aber wir lernten auch mit dem danach umzugehen. Man erkannte schon vor vielen Jahren, wie wichtig das ist. PTBS ist da ein Aspekt kPTBS noch so ein Aspekt usw. Beide Dinge haben sich in der ganzen Gesellschaft erst entwickeln müssen und bis heute stecken Länder wie Deutschland eher noch in die Kinderschuhe. Ich erinnere mich an die Eröffnung eines Bundeswehrkrankenhauses extra für PTBS Patienten. Nun bei der Eröffnung stellte man fest, dass es an Patienten mangelte es nicht aber Fachkräfte waren kaum zu finden. Das alles im Jahr 2000
Was man uns auch mitgegeben hatte, war dieser Bruder und seine Schwester im Kampf.
Ja, Ramona war für mich und ich sage es mal so für einige ganz wenige andere auf der Riege einer dieser Schwestern. Ich stand ihr bei und gab mein Bestes. Nein, ich habe nicht versagt.
Ebenso wenig haben all die anderen versagt wie Familie, Freunde, Kollegen, Sportfreunde.
Versagt - naja versagt hat eine Gesellschaft, die es immer noch nicht verstanden hat, gerade im Frieden gegenüber den anderen so menschlich wie möglich zu sein.
…ein kleines PS… Ich will es mal so sagen, als das mit Ramona passierte - ich stehe da ja nicht alleine - also in dem winzigen Team, da gibt es ständig Aufarbeitung. Dann einmal fragte wer die "Leitung", du sagt mal, wie viele Tote haben wir in all den Jahrzehnten gehabt.
Antwort: inkl. Krieg dienstlich privat, etwa 5 Mio. inkl. Ramona und die Kinder. Meine Reaktion (wörtlich): "Scheiß Welt”. Reaktion einer Kameradin nimmt mich in den Arm “schon ok wir schaffen das gemeinsam”.





