Ramona von Vogtareuth

Ramona
von Vogtareuth

29.11.1983
 
-
03.04.2020
Vogtareuth

stimmungsbild
ZurückAus dem Kondolenzbuch: Fast 32 Jahre

von no name am 10.07.2026 - 13:30 Uhr | melden

Liebe Ramona

fast 32 Jahre bis zum nächsten Gedenktag an meine Frau und Kinder. Damals sollten wir gezielt angegriffen und getötet werden. Meine Frau und zwei Kinder starben und ich überlebte. Damals sollte das mit mir noch nachgeholt werden, wurde aber vereitelt.

Etwas später dann. Wie immer eine Übung, waren wir mal wieder die Lückenbüßer und sehr schnell bemerkten wir die junge Frau, die uns sehr aufmerksam beobachtete. Wir wussten von Anfang an, dass es ehrliches Interesse war und dann kam der Moment in unseren “heiligen” gesicherten Bereich, wo die Masken fielen. Später hast du mir erzählt, dass dir direkt aufgefallen war, dass wir nicht die Symbole oder Abzeichen trugen, die man von denen erwartet hat, die da eigentlich auftreten sollten. Aber wir gaben uns schnell zu erkennen und du warst einfach baff.

Es dauerte nicht lange unser zweites Treffen sozusagen und das in einer etwas entspannten Szene. Ich erinnere mich noch gut, denn alleine die Begrüßung ist bei uns manchmal so eine Sache für sich. Sie ist oft einfach menschlich herzlich. Man nimmt sich in den Arm die Schulter klopfen, manchmal ein frecher Spruch. Du hast von Anfang an einfach dazu gehört und das war gut so.

Wir können und dürfen nicht einfach so mal über Einsätze reden, müssen meist alles unter uns verarbeiten. Da muss die Chemie stimmen, sonst ist man am falschen Platz, aber auch die Chemie zwischen uns beiden und mit anderen Kameradinnen und Kameraden stimmte. Elisa sagt so wie vielen von uns, dass du uns einfach fehlst. Auch wenn die Kinder manche von uns nur als "Kollegin oder Kollege” kannten, so denke ich, ahnten sie, dass Salopp mit der Tante oder Onkel etwas nicht ganz passt. Daher vermissen wir auch Annabelle und Vivian.

Ja und dann geschah es.

Wir haben unsere Zeit gebraucht und es tut weh wie am Tag, als alles geschah. Wir verarbeiten es unter uns, aber haben einige kleine Besonderheiten. Eine davon ist dass ich hier schreibe.

Ach die Gesellschaft. Uns war klar, dass unsere Offenheit auf einigen Ebenen etwas abenteuerlich ausgelegt wird. Die einen denken an Schwindel, die anderen an Affären und ganz andere denken was auch immer. Uns ist es ehrlich gesagt egal, selbst wenn manche Meinungen salopp unter die Gürtellinie gehen. Viele Leute denken, dass ihnen sowas nie passieren könnte, doch die Zeit zeigt, dass jeder von einer auf die andere Sekunde mitten in einer Hölle landen kann.

Beim Nova Festival waren wir durch Zufall ganz in der Nähe. Alarm. Wir sind in schwere Gefecht Situationen geraten, also ganz unser Ding. Hier und da einige Kratzer, aber keine Verluste oder Verletzte. Der Feind war sichtbar geschockt. Sie haben mit vielem gerechnet, aber garantiert nicht mit uns.

Für die Opfer war es eine Unfassbarkeit. Menschen, die einfach gefeiert haben und dann diese Hölle, wo ja niemand denkt, das könne passieren. Was passierte, war, wie wir es nennen, eine schwere Gefechtssituation. Selbst erfahrene IDF-Einheiten haben sowas nicht gekannt und haben Verletzte und Verluste gehabt. Und für uns…

Unser Leben ist der Krieg ist der abscheulichste Platz, den Menschen geschaffen haben.

Also du schon eine Weile bei uns warst hast du den Satz oft gehört und auch wenn du nie mit im Einsatz warst, so hast du verstanden was wir damit ausgedrückt haben. Jeder von uns hat sein ganz persönliches Schicksal, das wir nicht gegeneinander bewerten. Ja, was mir im Leben passiert ist, das ist schon extrem und das erlebt man nur sehr selten. Und dann, Jahrzehnte später, fast eine Wiederholung. Wir waren im Anflug, als die Bestätigung kam. Ramona und die Kinder sind tot.

Wow, das hat reingehauen. bei allen. Aber alle schauten mich an, denn sie wussten, es ist eine Wiederholung bei mir. Sowas haut extrem rein, aber ich blieb bodenständig. Bis zum Ende der Eskorte der Leichenwagen haben mich alle ziemlich genau im Auge behalten. Sie wussten, wie eng wir zusammengestanden haben. Sie wussten, was damals meiner Frau und Kindern angetan wurde.

Ich sagte es wie damals: Sie sind tot.

Die Rückreise ins normale Leben war extrem schwer. Ja, wir haben alle Rotz und Wasser geheult. Wir haben die Zeit maximal ausgedehnt mussten aber alle wieder zurück in das ach so schöne heile Leben ohne das man uns anmerkte das uns etwas tief getroffen hat. Wie nach dem Einsatz Nova Festival, wo wir keine Verluste der Verwundungen hatten, aber was wir sahen, nehmen wir in unser Leben mit.

Wir arbeiten solche Erlebnisse auf und man sollte nicht denken, das tut man in Tage, Wochen oder Monaten. Die Aufarbeitung ist immer Lebenslang. Es brauchte sechs Jahre bei dir, bis ich das Schicksal akzeptieren konnte.

32 Jahre nach dem Mord an meiner Frau und Kinder… sitze ich an einem PC, schreibe einige Zeilen. Es geht mir nicht darum, mich ins Rampenlicht zu bringen oder das Schicksal an sich. Vielmehr gebe ich einfach etwas weiter und hoffe, dass andere Menschen etwas lernen, um etwas zu nutzen . Jeder kann Extreme erleben und viele zerbrechen daran. Dein Werdegang ist das beste Beispiel dazu, aber es muss nicht so sein.

Einige Opfer des Nova Festival sind nach dem Angriff gestorben, obwohl einige wiederum gute Chancen hatten zu überleben. Egal warum sie starben, sie haben das Gesicht des Todes gesehen, was für uns Alltag geworden ist. Sie haben am eigenen Körper und am eigenen Geist überlebt, was unvorstellbar ist. Ja Ramona, das hast du in gewissem Sinne auch.

Wir verstehen die Menschen, die dann sagen “ich kann nicht mehr”.

Man darf das sagen, man darf down sein, man darf weinen und fluchen, doch liebe Betroffene, gebt niemals auf. Wir können nicht versprechen das es besser wird und der Spruch die Zeit heilt alle Wunden ist sowas von dumm das man ihn einfach vergessen sollte. Ebenso dumm ist es an ach so tolle Hilfen zu glauben die oft keine sind. Auch keine Pille oder Kur wird dir die Erinnerung nehmen. Das einzige was wirklich wichtig ist das ist

der Wille zum Überleben.


In unserem Job ist es wirklich so, dass du 99% überleben musst und 1% Leben hast. Klingt echt doof, doch die 1% können manchmal auch Extrem sein, aber sie können Begegnungen beinhalten wie die am ersten Tag, als Ramona in mein Leben kam. Ich werde den Tag, an dem meine Frau, meine Kinder, der Tag, an dem Ramona und ihre Kinder starben nie vergessen und das tut oft einfach nur weh.

Doch ich vergesse nie meine Frau, die ich in einem Krieg kennengelernt habe. Wenn ich wieder mal eine Idee hatte eine Strategie um eine fast ausweglose Situation anzugehen und sie sagte “du bist verrückt”. Meine Kinder, ach Papa.

Und Ramona… Sie zog gerne eine Augenbraue hoch, schaute mich mit einem Blick an.

…und genau dieses Bild trage ich bis heute in meinem Herzen.

no name
Geschenk Am 08.04.2020 von Gedenkseiten.de angelegt.
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