Sarah Lena Seele

Sarah Lena
Seele

09.10.1985
Bodenwerder 37619 BRD NI DE
-
07.11.2010
Salvador de Bahia Brasilien BR

Stimmungsbild-Sarah Lena-Seele-2
ZurückAus dem Kondolenzbuch: Meuterei nach tödlichem Unfall

von Hans Berens am 01.06.2021 - 17:14 Uhr | melden

Der tödliche Unfall einer Offiziersanwärterin auf dem Segelschulschiff Gorch Fock im November 2010 hat offenbar zu einer Meuterei geführt: Einige Kadetten widersetzten sich den Anordnungen der Offiziere. Die Ausbilder sollen Soldaten zum Aufentern in die Takelage genötigt haben. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD, Rainer Arnold, spricht von "systematischem Druck auf die Offiziersanwärter" und fordert eine rasche Überprüfung.


Sexuelle Belästigung, Sauforgien, Ekel-Rituale – im Bericht zum "Gorch Fock"-Skandal nur Ausnahmen. Die Schiffsführung bekommt fast einen Persilschein.
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Der Untersuchungsbericht zu den Vorfällen auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ hat in der Politik geteilte Reaktionen ausgelöst. Der 98 Seiten starke Bericht sei sehr unkritisch, teilweise ungeschickt formuliert und enthalte großes Verständnis für die seefahrertypischen Rituale an Bord, heißt es in Regierungskreisen nach Informationen von „Welt Online“.

Außerdem hätte die Kommission unter Leitung von Marineamtschef Horst-Dieter Kolletschke viele Fragen offen gelassen – zum Beispiel zur künftigen Auswahl der Offiziersanwärter oder zur Dienstaufsicht in der Stammbesatzung auf einem Schiff, „das dazu neige, eigene Hierarchien auszubilden“. Nun drohe Ungemach, spätestens im Verteidigungsausschuss am Mittwoch.

Die Untersuchungen waren eingeleitet worden, nachdem am 7. November 2010 die 25-jährige Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele während einer Ausbildungsübung auf der „Gorch Fock“ aus der Takelage gestürzt und gestorben war. Andere Kadetten hatten sich daraufhin sich beim Wehrbeauftragten beschwert, sie seien von Vorgesetzten schikaniert und übermäßig unter Druck gesetzt worden. Die Vorwürfe waren schwerwiegend, der öffentliche Aufschrei groß.
CDU-Politiker forden Rückkehr des Kapitäns

Von „Meuterei“ auf der „Gorch Fock“ war die Rede, von sexueller Belästigung, überzogenem Drill und ekelerregenden Ritualen. Tagelang jagte in den Medien eine „Enthüllungsgeschichte“ die nächste, es dauerte nicht lang bis der damalige Verteidigungsminister reagierte: Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) setzte eine Untersuchungskommission ein – und den Kommandanten des Schulschiffes, Norbert Schatz, für die Zeit der Ermittlungen ab.

Mit dieser besonders in der Marine vielfach kritisierten Entscheidung übernahm der CSU-Politiker das Heft des Handelns und machte die Affäre zu seiner eigenen. Der Kapitän zur See Schatz hat sich danach zwar einen Anwalt genommen, nach Informationen von „Welt Online“ plant er allerdings momentan nicht, gegen seine Abberufung rechtliche Schritte zu unternehmen.

Der Unions-Obmann im Verteidigungsausschuss, Ernst-Reinhard Beck (CDU), sprach sich für eine Rückkehr des Kapitäns auf den Dreimaster aus. Schatz habe nach den Ergebnissen der Untersuchungskommission ein Anrecht darauf, von „jeglichem Makel befreit zu werden“, sagte Beck der „Rheinischen Post“.
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„Ich kann der Marineführung nur dringend anraten, Herrn Schatz wieder in sein Kommando einzusetzen“, sagte auch der CDU-Abgeordnete und Marine-Experte Jürgen Hardt der „Rheinischen Post“.
Kommission befragte Hunderte Crew-Mitglieder

Zum Thema „Rehabilitierung des suspendierten Kommandanten“ hatten zuvor mehrere Interpretationsversuche des Marine-Berichts für Verwirrung gesorgt. Im „Focus“ hieß es zunächst, der suspendierte Kommandant habe sich disziplinarrechtlich nichts zu schulden kommen lassen. Zwei Tage später sollten dann laut „Bild“-Zeitung einige Vorwürfe dann doch Bestand haben. Eine Ent- oder Belastung des Kommandanten war allerdings gar nicht das Ziel dieser Kommission.

Das Kolletschke-Team war Ende Januar 2011 an Bord des Schiffes gegangen, um möglichen Missständen bei der Ausbildung nachzugehen sowie den Vorwürfen gegen die Stammbesatzung. Vier Wochen lang befragte die Kommission 192 Mitglieder der Stammbesatzung und 221 Offiziersanwärter – sowohl an Bord des Schiffes, als auch an der Marineschule in Flensburg-Mürwik Das Ergebnis ist nun inklusive Auszügen aus Gesprächsprotokollen auf 98 gebundenen Seiten nachzulesen. Von unhaltbaren Missständen auf der „Gorch Fock“ kann demnach keine Rede sein.
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Überzogener Drill? Nur in einem Einzelfall wurde ein Offiziersanwärter in unangemessener Weise zum Aufstieg in die Takelage gedrängt. Sexuelle Belästigung? Zwei verbale Ausfälle eines Mitglieds der Stammbesatzung werden ebenfalls als „Einzelfälle“ gewertet. Saufgelage an Bord? „Keine Anhaltspunkte“. Äquatortaufe in ekelerregender Brühe mit Erbrochenem? Für die „Brühe“ seien ausschließlich „frische Lebensmittel“ verwendet worden. Das Taufritual sei vorschriftsgemäß vollzogen und niemand dadurch herabgewürdigt oder verletzt worden. Führungsversagen? Kein grundsätzliches Problem erkennbar.

Fazit: Die Vorwürfe hätten sich zum großen Teil als „nicht haltbar“ erwiesen, es lägen aber keine grundsätzlichen strukturellen Probleme vor. Ein hundertprozentiger Persilschein für die Führung der „weißen Lady“ ist das zwar nicht – aber fast. Allerdings mahnten die Ermittler eine Verbesserung der Dienstaufsicht an, um die Herausbildung „inoffizieller Strukturen“ an Bord zu verhindern.
"Schwerwiegende Fehlentwicklungen" verharmlost?

Der Untersuchungsbericht war an den Wehrbeauftragten und an die Obleute des Verteidigungsausschusses weitergeleitet worden. Der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold wirft der Kolletschke-Kommission nun vor, Missstände auf dem Segelschulschiff zu verharmlosen. „Ich habe den Eindruck, dass die Marine hier versucht, weich zu zeichnen“, sagte Arnold der „Mitteldeutschen Zeitung“. Der Bericht offenbare „schwerwiegende Fehlentwicklungen“, die abgestellt werden müssten.

Hans Berens
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