Vladi Gerbershagen

Vladi
Gerbershagen

11.02.1987
Herborn
-
20.08.2017
Uniklinik Ffm

stimmungsbild
ZurückEine brennende Kerze: Kerze türkis hell viereckig
mein lieber Schatz

Von Mama 26.01.2019 um 05:38 Uhr | melden

schlage mir heute wieder mit dir die Nacht um die Ohren, scheint doch irgendwie ziemlich Weinzeit zu sein.
Es begegnet mir so viel, was mich erinnert, so viele Zukunftsmöglichkeiten immer wieder, die keine Zukunft mehr haben.
Sympathische Menschen, die Gemeinsamkeiten mit dir haben... oder auch Aufreger, du weißt ja - leider, denn das zu wissen hat dir immer zu schaffen gemacht, obwohl du doch nichts dafür konntest, aber manche rieben es dir offenbar immer wieder unter die Nase, gemeinerweise - dass es Menschen gab, die nicht wollten, dass du auf die Welt kommst. Eigentlich nur, weil es deren Problem war, denn es hatte nichts mit dir zu tun, mein geliebtes Kind. Ich habe dich von der ersten Sekunde an geliebt und Papa, als er dich das erste Mal sah.
Es tut mir leid, hätte ich gewusst, wie garstig Menschen sein können, die man ganz anders kennt, hätte ich dir vielleicht als Kind viel mehr ersparen können. Dir mehr Schutz bieten können. Leider war ich damals mindestens so gutgläubig wie du im gleichen Alter.
Nun haben wir dich traurigerweise doch viel zu früh verloren- wir dachten nie, dass wir das erleben würden!- und nun wird man gerade jetzt so sehr wie nie damit überschüttet, wie wichtig es doch angeblich ist, dafür zu sorgen, dass viele Kinder nicht erst auf die Welt kommen. Absolut niemand nimmt Rücksicht auf die Mütter und Väter, die ihre Kinder ungewollt verloren haben!
Oh nein! Uns gibt es überhaupt nicht! Wir kommen nicht vor in der Gedankenwelt dieser Leute. Auch nicht die Kinder, die trotzdem auf die Welt kamen, die werden ebenfalls komplett ignoriert, wie man sich dabei fühlt - es spielt keine Rolle.
Jeder, der es wagt, eine andere Meinung auch nur anzusprechen, wird sofort als gemeines Monster hingestellt, dass lediglich anderen seine Meinung aufzwingen will.
Ja, ich verstehe das auch nicht, ich muss nur dabei an eines unserer letzten ausführlichen Gespräche denken und wie traurig du warst, weil du dir eine Familie, Frau und Kind so sehr gewünscht hast. Natürlich wollte ich dich aufmuntern, dass du doch noch so jung bist und dafür doch noch so viel Zeit hast! Ich habe ja nicht gewusst, dass das nicht stimmt.
An dem Tag hast du mir auch erzählt, dass du eigentlich schon Vater wärest, aber die Frau sich anders entschieden hat.
Ich habe an dem Tag nicht weiter nachgehakt, weil mich deine Traurigkeit so berührt hat. Doch im Nachhinein bekommt eben alles durch deinen Tod ein anderes Gewicht.
Im Nachhinein denke ich, du hast irgendwie gemerkt, dass es dir schon schlecht geht, warst aber zu resigniert, direkt etwas zu unternehmen. Dann wäre mein Gerede von der Zeit, die du noch hättest nur sinnlos gewesen. Ich weiß ja gar nicht, ob du es vielleicht gerade erst erfahren hattest oder so. Ich wollte dich nicht damit quälen, indem wir darüber reden, denn offenbar war es da ja längst zu spät. Heute denke ich stattdessen, du hättest gerne mit mir darüber reden wollen, weil ich für dich Verständnis hätte, deine Traurigkeit darüber. Vielleicht konntest du mit anderen nicht darüber sprechen, weil die gar kein Problem darin sahen.
Ich weiß, dass all diese Gedanken mich nur noch trauriger machen, doch es gehört auch dazu. Vielleicht hast du eben auch diese Traurigkeit schon empfunden, für das Ungeborene Kind, sogar ohne zuerst das Glück mit dem Kind zu erleben. Auch das dann ein Punkt, der uns näher bringt. Es würde genau zu dir passen.
Es wäre aber auch ein Hinweis, dass es viele Männer geben kann, die diese Traurigkeit auch empfinden, ohne, dass sich jemand einen Deut um sie schert und um ihre Gefühle.
Doch die, die nicht Vater (nicht jetzt, nicht mit dieser Frau) werden wollen, die können triumphieren, die müssen nicht einmal selbst dafür demonstrieren, das übernehmen andere für sie.
Das entbehrt jeglicher Logik und mir bereitet das richtige Schmerzen, wenn ich diese Aggression dabei spüre.
Du hast mir manchmal vorgeworfen, dass ich zu wenig kämpfe, ja mein Schatz, die Erfahrungen, die ich gemacht habe, haben mir im Lauf der Zeit die Kraft geraubt, die Krankheiten auch. Darum versuche ich jetzt in deinem Sinne zu kämpfen, aus der Trauer um dich neue Kraft zu schöpfen. Nur weinen bringt schließlich auch niemanden weiter. Außerdem kann ich das ja nebenbei tun.

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