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von Manuela Hertel am 15.06.2014 - 16:21 Uhr | melden
Ein Agent zwischen Melancholie und Dynamik - Max Otto von Stierlitz in “Siebzehn Augenblicke des Frühlings”
Der Protagonist der zwölfteiligen Serie “Siebzehn Augenblicke des Frühlings” ist seit deren Erstausstrahlung 1973 und deren zahlreichen Wiederholungen auch im postsowjetischen Fernsehen zu einem russischen Mythos geworden.
Der Hauptdarsteller Wjatscheslaw Tichonow war bereits ein sehr beliebter und anerkannter Schauspieler in seiner Heimat - berühmt unter anderem durch seine Verkörperung des Fürsten Andrej Bolkonski in Sergej Bondartschuks kongenialer Verfilmung von Leo Tolstois “Krieg und Frieden” aus dem Jahre 1967. Das vierteilige Epos erhielt unter anderem den Großen Preis der Internationalen Filmfestspiele von Moskau sowie den Oscar und den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film.
Doch nach seinem Auftritt in “Siebzehn Augenblicke des Frühlings” kannte seine Popularität keine Grenzen mehr und Wjatscheslaw Tichonow avancierte zu einem wahren Volkshelden.
In den Neunziger Jahren erwies sich in Meinungsumfragen, dass man Stierlitz ohne weiteres zum Präsidenten seines Landes wählen würde - weit vor allen Politikern.
Anläßlich seines achtzigsten Geburtstages am 08.02.2008 wurde Wjatscheslaw Tichonow mit einer Sondersendung im russischen Fernsehen geehrt. Als er am 04.12.2009 in Moskau verstarb, kondolierten der russische Präsident und sein Regierungschef den Angehörigen und sprachen von einer nationalen Tragödie.
Das energische “Augenblicke” und das melancholische “Irgendwo weit entfernt”, die beiden musikalischen Leitthemen der Serie “Siebzehn Augenblicke des Frühlings” verdeutlichen die zwei Seiten ihres Protagonisten Standartenführer Max von Stierlitz alias Oberst Maxim Maximowitsch Issajew.
Der attraktive Mann, der selbst in der Uniform der schändlichsten Verbrecher wider alle Humanität, elegant auftritt, in einer Rückblende im Frack erscheint und selbst in einer Strickjacke noch Stil beweist, agiert einerseits selbstbewußt, energisch, überlegen und sehr eloquent.
Andererseits jedoch verhindert seine Tätigkeit als Kundschafter, dass er sich emotional öffnen kann. Nur sehr selten - wie im Gespräch mit Erwin und Kat - bricht sich lange Aufgestautes Bahn.
Die unbestreitbar tiefen Emotionen, die in Stierlitz schlummern, vermitteln sich meist nur durch Blicke.
In der Natur scheint er sich am meisten öffnen zu können. Wenn er zum Beispiel dem Flug einer Schar Vögel nachschaut, so symbolisiert das seinen Wunsch nach Freiheit. Als es ihm geglückt ist, Pfarrer Schlag in die Schweiz zu schleusen, greift Stierlitz in den Schnee und reibt sich das Gesicht damit ein.
Max von Stierlitz vergißt nie, dass er verheiratet ist, obwohl er seine Frau seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat.
So weist der einsame Mann alle Avancen, die ihm zum Beispiel Gabi Nabel macht, zurück.
Der Kundschafter ist ein moralisch einwandfreier Mann. Wenn Stierlitz über Laster verfügt, dann sind es sein ständiger Griff zur Zigarette sowie der Genuss von Kognak.
“Siebzehn Augenblicke des Frühlings” funktioniert sowohl als spannungsreicher Politthriller, dem glücklicherweise jeder unpassende Aktionismus fremd ist, ebenso wie als glänzend gespieltes Psychoduell zwischen Stierlitz und seinen Widersachern und überdies als emotionales Drama.
Sehr viel vermittelt sich dabei sowohl über den inneren Monolog des Protagonisten als auch über den intensiv agierenden Erzähler.
Die darstellerischen Leistungen sind durchweg ausgezeichnet.
Eine negative Figur wie der Nachrichtenchef Walter Schellenberg entfaltet durch die großartige Schauspielkunst von Oleg Tabakow ein faszinierendes
Eigenleben. Tabakow verleiht seiner Rolle weitaus mehr Intelligenz, Esprit und Charme, als sie der realen Person jemals zu eigen waren und läßt dabei dennoch nicht eine Minute vergessen, mit welch verbrecherischem Charakter man es zu tun hat.
Überhaupt fehlt bei den negativen Charakteren - mit Ausnahme von Holthoff und Rolf - jede bis zu diesem Zeitpunkt im sowjetischen Film durchaus oft anzutreffende primitive Schwarz-Weiß-Malerei.
Selbst einem durch und durch verbrecherischen Menschen wie Heinrich Müller wird - durch das Drehbuch aber auch durch die darstellerische Leistung von Leonid Bronewoi - noch Intelligenz und ein - wenn auch makabrer - Sinn für Humor zugestanden.
Erstaunlich ist auch, dass in dieser sowjetischen Produktion außer dem Funker Erwin nicht ein Vertreter der sonst so heroisierten Arbeiterklasse gezeigt wird.
Der Widerstandskampf wird hier von einem überaus liebenswert porträtierten Pfarrer (auch das keine Selbstverständlichkeit zu jener Zeit) sowie einem sanften und weltfremden Wissenschaftler geführt.
Der einfache Landser Helmut Kolder, der sein Leben für das der russischen Funkerin Kat opfert, dürfte ebenfalls ein für das sowjetische Fernsehen dieser Ära durchaus ungewöhnlicher Charakter sein.
Hier sollte angemerkt werden, dass sein Darsteller Otto Mellies (der in seiner Rolle als Helmut Kolder von einem anderen Schauspieler synchronisiert wurde) durch seine brillante Synchronisation von Wjatscheslaw Tichonow in ganz erheblichen Maße zum großartigen Gesamteindruck von “Siebzehn Augenblicke des Frühlings” beigetragen hat.
Die ungeheure, über Generationen anhaltende Popularität von “Siebzehn Augenblicke des Frühlings wird auch dadurch verdeutlicht, dass in Rußland unzählige Witze (dort Anekdoten genannt) über den Protagonisten und die
Besonderheiten der Serie kursieren.
Nachfolgend dafür einige Beispiele:
Stierlitz wacht in einer Gefängniszelle auf. Nun dachte er: wo bin ich gefangen? Bei den Deutschen oder bei den Russen? Bin ich Max-Otto von Stierlitz oder Maxim Issajew? Plötzlich geht die Tür auf, ein russischer Milizionär kommt rein: „Da haben Sie wohl gestern einen über den Durst getrunken, Genosse Tichonow!“
Eine Sitzung in Hitlers Bunker. Plötzlich kommt ein Mann herein, schenkt allen Tee ein, entnimmt geheime Dokumente aus dem Safe und verläßt wieder den Raum.
Hitler ist verblüfft: “Wer war denn das ?“
Müller antwortet: „Das ist Stierlitz aus Schellenbergs Abteilung. In Wirklichkeit ist er ein russischer Agent. Oberst Issajew.“
„Warum verhaften Sie ihn dann nicht?“
„Sinnlos. Der wird sich sowieso herausreden. Er wird sagen, er hätte nur den Tee gebracht.““
Müller kommt in sein Büro und findet Stierlitz vor, der sich am Safe zu schaffen macht.
“Was tun Sie da, Stierlitz?!”
“Ich warte auf die Straßenbahn, Briagadeführer ...”
“Seit wann fährt durch mein Büro eine Straßenbahn?!” ereifert sich Müller und dreht sich wieder zu Stierlitz um. Dieser ist verschwunden.
“Wahrscheinlich hat er doch die Straßenbahn genommen ...” denkt Müller.
Stierlitz kehrt aus der Schweiz nach Berlin zurück. Kurz zuvor ist die Stadt bombardiert worden. Stierlitz bemerkt die rauchgeschwängerte Luft und überlegt: "Habe ich etwa vergessen, das Bügeleisen abzustellen?"
Müller befiehlt Stierlitz zu sich. "Ich habe eine schlechte und eine ganz schlechte Nachricht für Sie!" Stierlitz erwidert: "Sagen Sie mir die schlechte Nachricht." Müller erklärt: "Ihre Funkerin Kat hat alles gestanden!" Stierlitz wird blass und entgegnet; "Was ist denn dann die ganz schlechte Nachrich?" Müller grinst: "Sie hat es nicht bei uns gestanden sondern bei Ihrer Frau!"
Stierlitz öffnet eine Tür. Das Licht geht an. Stierlitz schließt die Tür wieder. Das Licht geht aus.
Stierlitz wiederholt die Prozedur und kombiniert: “Es handelt sich um einen Kühlschrank.”
Stierlitz sitzt in seinem Büro, als es an der Tür klopft.
“Das ist sicher Bormann”, denkt er.
“Und ob ich es bin!” denkt Bormann.
Schellenberg hat lange nichts mehr von Stierlitz gehört und besucht ihn deshalb.
Er findet ihn mit einer schönen Frau im Arm besinnungslos betrunken auf
dem Fußboden vor. Neben ihm liegt ein Telegramm: “Mission erfüllt. Sie können sich erholen. Zentrale.”
Aus Hitlers Safe sind einige wichtige Dokumente entwendet worden. Er
beschwert sich in einem Telegramm bei Stalin darüber.
Am nächsten Tag erhält Stierlitz eine verschlüsselte Nachricht: “Justus, wenn Sie Herrn Hitler schon Dokumente stehlen müssen, so bringen Sie sie ihm doch nach dem Fotokopieren wieder zurück. Er macht sich schon Sorgen deswegen ...”
Müller geht nachts im Wald spazieren. Zwei glühende Augen starren ihn an. “Eine Eule!” denkt Müller. “Selber eine Eule!” denkt Stierlitz.
Im Reichssicherheitshauptamt hat man alle Ausgänge blockiert. “Idioten!” denkt Stierlitz und geht durch den Eingang hinaus.
Müller sieht Holthoff mit einem Stahlhelm auf dem Kopf einen Korridor entlanggehen. “Hat man Sie an die Front geschickt?” fragt er. “Nein, Stierlitz will mit mir eine Flasche Kognak trinken ...”





