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Von Antje Ehrlein 20.08.2015 um 02:25 Uhr | melden
Als ich las, dass ein junges Mädchen auf dem Feld mit ihrem Hund aufgegriffen wurde, sah ich sofort mich selbst, wie ich damals, 1982, im Alter von 17 Jahren täglich mit meinem Beagle auf dem freien einsamen Feld spazieren ging. Ich war mehr als geschockt über das jähe und grausame Ende Ihrer Tochter und weiß nicht, wie Sie das je verkraften können.
Wenn ich bedenke, welches Glück ich hatte: Mein Beagle lebte fünfzehn schöne Jahre lang und auch ich selbst darf bis heute leben. Das Leben war für mich nicht immer leicht, dennoch liebe ich es sehr und hänge an ihm. Mein Beagle war ein leidenschaftlicher Hasenjäger und als ich eines Tages auf freiem Feld auf ihn wartete, kamen zwei fremde Männer auf mich zu. Erst zusammen, dann trennten sie sich, so dass der eine von links auf mich zulief, der andere von rechts. Irgendetwas muss mein Beagle gespürt haben, denn mit einem Mal stand er erhobenen Hauptes und stolz am Horizont auf dem Feld, rannte bellend und knurrend auf die Männer zu, so dass sie ihre Wege änderten und von mir abließen. Was sie damals vorhatten, weiß ich bis heute nicht und werde es nie erfahren.
Er war natürlich eigentlich ein Hund, der dem Einbrecher noch mit Einpacken geholfen hätte und ich kann mir vorstellen, wie überrumpelt Ihre Tochter und Ihr Hund waren, so dass keine Zeit mehr für den Hund blieb, auch nur ansatzweise eine Beschützerreaktion zu zeigen. Auch Ihr Hund ist ein Opfer und auch bei ihm bin ich in Gedanken, denn auch er leidet nun mit der gesamten Familie.
Ich bin über die Schnelligkeit und unglaubliche Brutalität, mit der Ihre Tochter ein grausames Ende gefunden hat, zutiefst schockiert und würde Ihnen in Ihrer Trauer sehr gerne beistehen. Aber das kann ich nicht. Im Alter von 25 Jahren verlor ich meine damals beste Freundin, sie starb an Brustkrebs, damals selber erst 26 Jahre alt. Zwei Jahre vorher verlor ich meinen guten Freund, als er unverschuldet bei einem Auto-Unfall mit 23 Jahren ums Leben kam. Er hinterließ eine 2-jährige Tochter, die ihn abgöttisch liebte. In meiner Trauer versuchten sehr viele Menschen mir zu helfen. Aber letztendlich bleibt der Mensch mit diesem Gefühl der tiefen Trauer ganz alleine und für sich. Für den Rest seines Lebens.
Ich bitte Sie und flehe Sie an: Geben Sie in Ihrer Trauer nicht auf. Warten Sie ab, halten Sie durch. Ihr Leben ist ab jetzt vollkommen anders und neu. Es wird in Schwärze und grausamen inneren Schmerzen weiter gehen. Dennoch wird es erste Lichtblicke geben. Es dauert Monate bis Jahre. Es wird Momente geben, in denen Sie nicht wissen, wie Sie diese tiefen Gefühle aushalten können. Und es wird Momente geben, in denen Sie denken, dass Sie nun alles überwunden haben, bis eine Erinnerung Sie unerwartet trifft und in tiefe Trauer zurückversetzt. Sie werden sich fragen, ob das nie ein Ende hat. Aber Sie werden vielleicht sogar einmal wieder lachen können. Und bitte glauben Sie mir: Wenn das geschieht, werden Sie wissen, dass das Weitermachen sich für nur diesen kurzen Moment gelohnt hat. Atmen Sie Luft und denken Sie daran, dass Ihre Tochter Ihnen jeden Glücksmoment gegönnt hätte. Sie liebt Sie noch immer und wird es auf ewig tun. Letztendlich, und ich glaube, dass Sie mir das glauben können, lassen uns unsere Verstorbenen nie alleine.
Ich weiß: Wenn das mir passiert wäre, wäre meine Familie daran zerbrochen. Und ich weiß, dass ich mir nichts sehnlicher gewünscht hätte, dass meine Familie und mein Beagle mich vergessen können und ihr Leben weiter leben und genießen, und dass sie eben nicht daran zerbrechen.
Anneli: Ich finde keine Worte dafür, wieviel Mitleid ich mit einem so jungen Mädchen habe, das ihr ganzes Leben noch vor sich hatte und so etwas unaussprechlich Schreckliches erleben musste. Ich bin fassungslos und geschockt. Ruhe in Frieden.
Antje Ehrlein
Dipl.-Psych.
Konstanz




