Militärspion Lothar-Erwin Lutze

Militärspion Lothar-Erwin
Lutze

24.09.1940
Schneidemühl
-
06.04.2021
Bad Kreuznach

stimmungsbild

Lothar-Erwin Lutze (1940 – 2021)

Lothar-Erwin Lutze (80)
… Frieden …
* 24.09.1940 † 06.04.2021

Was macht es mit einem fünfjährigen Jungen, der gerade sein Zuhause verloren hat, auf der Flucht ist und dabei von Granatensplittern getroffen und schwer verletzt wird?

Was macht es mit einem fünfjährigen Jungen, wenn er kurze Wochen später im hohen Gras am Ufer der Havel jemanden liegen sieht – einen sterbenden Soldaten, der seine Hand packt und seine letzten Worte in einer fremden Sprache zu ihm spricht?

Wo ist seine Heimat? Woran darf er glauben? Was und wo wird sein Leben sein in einem gevierteilten Land, das nur noch nach Besatzungszonen benannt wird und unaussprechliche Verbrechen begangen hat?

Die geflohene Familie war nur eine von vielen. Ein Leben in Brandenburg an der Havel in der sowjetischen Besatzungszone entstand. Doch 1953 beschloss Lothars Vater die Umsiedlung nach Bad Kreuznach in der amerikanischen Besatzungszone – wo es statt der ersehnten Anstellung als Musiker erst einmal eine Lagerunterkunft gab. Lothars Herz, Lothars Sehnen blieb in Brandenburg an der Havel. Dorthin kehrte er immer wieder zurück in den Ferien. Die Großeltern waren geblieben.

Der Rest? Ist Geschichte. Wortwörtlich.
Fragmentarisch unter seinem Eintrag auf Wikipedia zu lesen, via Suchmaschinen abrufbarer archivierter Zeitungsartikel oder kurz von einer KI erklärt.

Für die einen war er ein „Kundschafter des Friedens“ – einer, der den Dritten Weltkrieg mit verhindert hat. Für die anderen war er der Militärspion mit der Aura eines 007, der als „Charly“ alle hintergangen und ihrer Top Secrets entledigt hatte.

Lothar-Erwin Lutze wollte, dass das, was ihm als Fünfjährigen widerfuhr, keinem anderen Jungen mehr passieren muss auf der Welt. „Nie wieder Krieg!“ hieß es jahrzehntelang für alle, die auf deutschem Boden überlebt hatten. Und dafür hätte er noch jeden militärstrategischen Plan aufgedeckt, wenn er damit verhindern konnte, dass daraus jemals eine reale Tatenserie wird. Eine Tatenserie, die auf fünfjährige Jungen auf der Flucht keine Rücksicht nimmt.

Als Lothar-Erwin Lutze enttarnt wurde und elf Jahre isoliert in Gefangenschaft saß, drang durch die Gitterstäbe das Lied „Ein bisschen Frieden“ von Nicole. Draußen installierte die BRD gerade neue Pershing-II-Raketen – Deutschland rüstete auf, während er drinnen saß, weil er genau das einfrieren wollte.

Warum der 1. April 1987 – der Tag seines Austausches ein Jahr vor der regulären Strafverbüßung – zu einem historischen Wendepunkt wurde, zeigte sich am 3. Oktober 1990. Der Agententausch hatte sich deutschgeschichtlich einfach aufgelöst.

Und ich?
Ich habe als der einzige Mensch seiner ganzen Lebensjahre ab 1989 privat mit ihm zusammengelebt. Für sieben Jahre. Und als der einzige Mensch seines Lebens habe ich etliche Zeiten davon im Modus 24/7 mit ihm verbracht.

Jedes Lächeln, jede Sorgenfalte war mir zutiefst vertraut. Der sonore Bass seiner unentwegten Stimme allüberall. Das große Jupheidie, wenn eine Idee, eine Vision uns vor Euphorie entflammte. Aber eben auch sein ganzes seelisches Zerbrechen in der Zeit, als sich absolut alle von ihm abwandten.

Abwandten?
Ja.
Nicht umsonst ist das Wort „Wende“ in der deutschen Geschichte historisiert.
Wende hat auch Abwenden bedeutet.
Das Abwenden von Menschen, die einem nicht mehr nütze sind.
Die plötzlich, politisch besehen, zu heißen Eisen geworden waren.

Ich habe mich nicht abgewandt. Als Einziger.
Und das war keine politische Wende – das war reine Menschlichkeit.

Dreißig Jahre jünger zu sein, frisch am eigenen Lebensstart, und das Zerbrechen des Dir Nächsten rund um die Uhr mitzuerleben – das war damals nicht hart.
Ich war jung. Voll Kraft. Voller Ideen. Ich hatte bereits meinen Vater zerbrechen sehen.
Ich hatte meine Mutter zerbrechen sehen.

Hart wurde es erst im Laufe der Jahrzehnte des Begreifens.

Ich hatte damals nicht den Kundschafter des Friedens oder den Spion getroffen. Sondern den privaten Menschen. Und nur diesen.

Welchen Satz mag der sterbende russische Soldat am Ufer der Havel im hohen Gras zum fünfjährigen Lothar gesagt haben? Damals, als der größte Zusammenbruch der Zivilisation der neueren Zeit 70 Millionen Tote brachte und traumatisierte Generationen in allen Ländern hinterließ.

Lothar wollte kein „bisschen Frieden“.
Lothar-Erwin Lutze wollte den ganzen Frieden.
Für alle.

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