Marcus Zickendraht

Marcus
Zickendraht

05.08.1969
Wuppertal
-
24.04.2012
Hagen

stimmungsbild37
ZurückEine brennende Kerze: Kerze orange Herz
Man sieht nur mit dem Herzen gut

Von Beate 31.05.2026 um 13:58 Uhr | melden

„Die Menschen“, sagte der Fuchs, „haben Gewehre und sie jagen. Das ist sehr unangenehm! Und sie halten Hühner. Das ist das einzige, was sie interessiert. Suchst du Hühner?“
„Nein“, sagte der kleine Prinz. „Ich suche Freunde. Was bedeutet ‚zähmen‘?“
„Das ist leider in Vergessenheit geraten“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, ‚sich vertraut machen‘.“
„Sich vertraut machen?“
„Ja“, sagte der Fuchs.

„Für mich bist du bisher nur ein kleiner Junge wie hundertausend andere kleine Jungen. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich nur ein Fuchs wie hunderttausend andere Füchse. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig auf der Welt sein. Und ich werde für dich einzigartig auf der Welt sein…“.

(….)

Der Fuchs kam auf seine Idee zurück:
„Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich schon ein bisschen. Aber wenn du mich zähmst, wird das mein Leben erhellen.

Ich werde Schritte kennen, die anders klingen als alle anderen. Bei anderen Schritten verstecke ich mich wieder unter der Erde.

Deine werden mich aus meinem Bau rufen wie Musik. Und schau nur! Siehst du die Weizenfelder dort? Ich fresse kein Brot. Für mich hat der Weizen keinen Nutzen. Die Weizenfelder bedeuten mir gar nichts. Und das ist traurig!

Aber dein Haar hat die Farbe von Gold. Es wird wunderbar, wenn du mich gezähmt hast! Der goldene Weizen wird mich an dich erinnern. Und das Rauschen des Windes im Weizen wird mir Freude bereiten…“

Der Fuchs verstummte und sah den kleinen Prinzen lange an:
„Bitte… zähme mich!“, sagte er.
„Sehr gern“, antwortete der kleine Prinz, „aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.“

„Man lernt nur die Dinge kennen, mit denen man sich vertraut macht“, sagte der Fuchs.
„Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen alles fertig bei den Händlern. Aber da es keine Händler für Freunde gibt, haben die Menschen keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund haben willst, zähme mich!“

(….)

Also zähmte der kleine Prinz den Fuchs.

Und als die Stunde des Abschieds nahte:
„Ach!“, sagte der Fuchs. „Ich werde weinen.“
„Das ist deine Schuld“, erwidert der kleine Prinz, „ich wollte dir nichts Böses, du wolltest, dass ich dich zähme….“
„Gewiss“, sagte der Fuchs.
„Aber du wirst weinen“, sagte der kleine Prinz.
„Gewiss“, sagte der Fuchs.
„Also gewinnst du nichts dabei!“
„Doch, ich gewinne etwas dabei“, sagte der Fuchs, „wegen der Farbe des Weizens.“

Dann fügte er hinzu:
„Geh noch einmal zu den Rosen. Du wirst verstehen, dass deine Rose einzigartig auf der Welt ist. Und dann komm zurück, um dich von mir zu verabschieden, und ich schenke dir ein Geheimnis.“

Der kleine Prinz ging noch einmal zu den Rosen:
„Ihr seid überhaupt nicht wie meine Rose, ihr seid noch gar nichts“, sagte er zu ihnen. „Niemand hat euch mit sich vertraut gemacht und ihr habt euch mit niemandem vertraut gemacht. Ihr seid so, wie mein Fuchs war. Er war nur ein Fuchs wie hunderttausend andere auch. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht und jetzt ist er einzigartig auf der Welt.“

(….)

Und er ging wieder zum Fuchs.

„Adieu“, sagte er.
„Adieu“, antwortet der Fuchs.
„Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach:

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
„Die Zeit, die du deiner Rose geschenkt hast, macht deine Rose so wichtig.“
„Die Zeit, die ich meiner Rose geschenkt habe…“, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“, erklärte der Fuchs.
„Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist für immer für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.“
„Ich bin für meine Rose verantwortlich…“, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

(Antoine de Saint-Exupéry; „Der kleine Prinz“, Kapitel XXI)

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