Margarete Mitscherlich

Margarete
Mitscherlich

17.07.1917
Gravenstein
-
12.06.2012
Frankfurt am Main

stimmungsbild

Gedenkseite für Margarete Mitscherlich

Margarete Mitscherlich-Nielsen, geb. Nielsen war eine deutsche Psychoanalytikerin, Ärztin und Autorin zahlreicher Bücher. Mitscherlich schrieb gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908–1982), das bahnbrechende Buch Die Unfähigkeit zu trauern, das 1967 Diskussionen auslöste. Darin untersuchten sie am Beispiel der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und des Umgangs mit dieser Zeit in der Adenauer-Ära die Abwehrhaltung des Einzelnen und der Masse gegenüber Schuld und Mitschuld an politischen Verbrechen.

Leben

Die Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin studierte nach dem Abitur in Flensburg Medizin und Literatur in München und Heidelberg und wurde 1950 in Tübingen zum Dr. med. promoviert. Ab 1951 arbeitete Margarete Nielsen zusammen mit dem Arzt, Psychoanalytiker und Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich an der von ihm geleiteten psychosomatischen Klinik in Heidelberg. Sie hatte Mitscherlich 1947 kennengelernt und 1949 den gemeinsamen Sohn geboren. In den 1950er Jahren erfolgte in Heidelberg, Stuttgart und London ihre psychoanalytische Ausbildung.
Margarete Nielsen und Alexander Mitscherlich heirateten 1955. Damals untersuchten beide gemeinsam den Massenwahn zur Zeit des Nationalsozialismus. 1967 zog das Ehepaar nach Frankfurt am Main, wo Margarete Mitscherlich fortan am 1960 gegründeten Sigmund-Freud-Institut lehrte. Sie war – wie ihr Ehemann – auch in der Lehranalyse tätig. Das Forscherpaar verfasste das Buch Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens (1967). In diesem Werk fragten Alexander und Margarete Mitscherlich, ob der Mensch nicht „einen der folgenschwersten Fehlwege der Evolution“ darstelle, „durch den das Prinzip des Lebendigen seiner Aufhebung entgegenstrebt“. Die Reaktionen reichten von Empörung bis zur Nachdenklichkeit.

1972 folgte Margarete Mitscherlichs Publikation Müssen wir hassen?, in der sie ihre eigene Forschungsarbeit behandelte. Einige Jahre später setzte sie sich in ihrem Sammelband Das Ende der Vorbilder (1978) mit der Problematik der Idealisierung auseinander. Dabei vertrat sie die Ausgangsthese: „Wir alle brauchen Ideale, Vorbilder, Ziele, an denen wir uns orientieren, nach deren Verwirklichung wir streben können. Ohne sie sind wir einem Gefühl der Leere ausgesetzt, und das lebendige Interesse an den Dingen der Welt und an unseren Mitmenschen geht verloren.“
Unter Margarete Mitscherlichs zahlreichen weiteren Veröffentlichungen ragt das Buch Die friedfertige Frau (1985) heraus, in dem sie das Rollenverhalten der Frau in der Politik untersuchte. Als Fortsetzung erschien später das Werk Über die Mühsal der Emanzipation (1990).

Ab 1982 fungierte Margarete Mitscherlich als Herausgeberin der von ihrem Mann gegründeten Zeitschrift Psyche. In ihrer Praxis für Psychoanalyse im Frankfurter Westend behandelte sie sowohl Frauen wie Männer, die an Aufklärung über ihr Gefühlsleben, über die unbewussten Motive ihrer Verhaltensweisen, das heißt an ihrer individuellen Emanzipation interessiert waren. 1977 hatte sie in der ersten Ausgabe der Frauenzeitschrift Emma öffentlich erklärt: „Ich bin Feministin.“ So definierte sie sich bis ins hohe Lebensalter. Noch im Alter von 87 Jahren arbeitete sie zweimal wöchentlich am Sigmund-Freud Institut mit Patienten.

Margarete Mitscherlich gehörte der Deutschen und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung an und war Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland sowie zeitweise des Beirates des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Unter anderem erhielt sie 1982 die Wilhelm-Leuschner-Medaille und 1983 den Kulturpreis der Stadt Flensburg sowie 1990 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main. Im November 2005 wurde sie von der Stadt Frankfurt zum zweiten Mal geehrt, indem sie den mit 10.000 Euro dotierten Tony-Sender-Preis für ihr jahrelanges frauenpolitisches Engagement und ihren Einsatz für die Gleichberechtigung erhielt. Die Verleihung erfolgte durch das Frauenreferat, die Laudatio sprach Alice Schwarzer. Die Bundesrepublik Deutschland zeichnete Margarete Mitscherlich-Nielsen 2001 für ihre „Verdienste um das Allgemeinwohl“ mit dem Großen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus.

Kritik

Die Politikwissenschaftlerin Ljiljana Radonic unterstellt Mitscherlich, dass sie Frauen in ihrem Buch Die friedfertige Frau einseitig als Opfer des Nationalsozialismus darstelle und ausgerechnet jene Schuldabwehr anwende, die sie in der Unfähigkeit zu trauern ausführlich reflektiert hatte. In ihrem Werk Die friedfertige Antisemitin „widerlegt Radonic Margarete Mitscherlichs Thesen vom Opfer-Mythos und der friedfertigen Natur ‚der Frau‘, welche als beispielhaft für den Umgang der Frauenbewegung mit der Rolle ‚der Frau‘ im NS und ihrem Antisemitismus gelten können …“ Radonic behauptet in ihrer Studie außerdem, dass die autoritäre Persönlichkeit im Grunde geschlechtlich undefiniert gefasst werden müsse, denn sowohl Männer als auch Frauen mit autoritärer Persönlichkeitsstruktur rebellierten konformistisch und projizierten verdrängte Regungen auf outgroups. So sei etwa auch die Funktionsweise des Antisemitismus bei Männern und Frauen grundsätzlich gleich. Der Soziologe Gerhard Amendt kritisierte den fehlenden wissenschaftlichen Nachweis von Mitscherlichs Thesen und erklärte den Erfolg des Buches damit, es habe „dem inneren Wunsch der meisten Frauenbewegten, dass es doch so sein möge“, entsprochen.

Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Mitscherlich
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