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Marie-Luise Schultze-Jahn

Marie-Luise
Schultze-Jahn

28.05.1918
 
-
22.06.2010
Bad Tölz

stimmungsbild

Gedenkseite für Marie-Luise Schultze-Jahn

Sie war die letzte "Weiße Rose": Am 23. Juni 2010 ist die unermüdliche Kämpferin für Zivilcourage Marie-Luise Schultze-Jahn im Alter von 92 Jahren gestorben. Wenn Marie-Luise Schultze-Jahn sprach, tat sie das stets leise und bedächtig. Die 92-jährige Ärztin aus Bad Tölz musste nicht laut werden, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. Schließlich hatte das, was sie zu sagen hatte, genügend Gewicht. Schultze-Jahn war das letzte lebende Mitglied der "Weißen Rose". Generationen von Schülern kennen ihre Geschichte.

Ihr Widerstand, ihre Geschichte - sie beginnt im Frühjahr 1943: Die Geschwister Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst - die Gründer der studentischen Widerstandsbewegung die "Weiße Rose" - wurden in München zum Tode verurteilt. Sie hatten insgesamt sechs Flugblätter verfasst und verteilt, in denen sie zum Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime aufrufen. Das letzte war ihr Todesurteil. Durch Zufall bekommt die Chemiestudentin Schultze-Jahn die Flugschrift in die Hände und beschließt zusammen mit ihrem halbjüdischen Verlobten Hans Leipelt, dieses letzte Zeugnis der "Weißen Rose" zu verbreiten: Sie tippen den Text ab und versehen ihn mit der Überschrift "Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!". Das Paar wird verraten und festgenommen.

Zwölf Jahren Zuchthaus lautet das Urteil für Schultze-Jahn im Oktober 1944, Lippelt wird hingerichtet. Sie selbst wird 13 Monate später, am 29. April 1945, befreit. Der Krieg, die Nazizeit - endlich ist dies alles vorbei. Sie studiert Medizin und zieht nach Bad Tölz. So oft und engagiert Schultze-Jahn ihre Geschichte später vorträgt - Jahrzehnte lang konnte sie gar nicht über die Vergangenheit sprechen. Vor allem, dass ihr Verlobter sich zu ihren Gunsten selbst belastete, überwindet sie nie.

Als sie ihre Praxis in Bad Tölz im Jahr 1988 schließt, entscheidet sie sich, die Vergangenheit aufzuarbeiten und damit die Erinnerung aufrechtzuhalten. Als Zeitzeugin spricht sie an Schulen. "Wie sollen denn die jungen Leute heute sonst wissen, was früher war?", sagte sie immer wieder. Und sie nannte diesen Einsatz ihren "Beitrag wider das Vergessen". Die Gräuel, die sie selbst ein Leben lang nicht vergessen kann, hält sie in einem Buch fest. Es trägt den Titel "Und ihr Geist lebt trotzdem weiter". Dieser Satz - er gilt auch für Marie-Luise Schultze-Jahn selbst.

Mit Dr. Marie-Luise Schultze-Jahn hat Bad Tölz eine beeindruckende Persönlichkeit verloren. Die letzte Überlebende aus dem Umfeld der "Weißen Rose" starb am Dienstag mit 92 Jahren. In Erinnerung bleibt sie durch ihr historisches Verdienst, sich unter Einsatz ihres Lebens dem nationalsozialistischen Terror-Regime entgegengestellt zu haben, genauso aber durch ihren unermüdlichen Einsatz gegen das Vergessen, für Wachsamkeit und Menschlichkeit.

Für Generationen von Tölzer Schülern war es ein eindringliches Erlebnis, wenn Marie-Luise Schultze-Jahn ihnen aus der Zeit der Nazi-Diktatur berichtete: Wie sie, die Offizierstochter, die auf einem ostpreußischen Rittergut aufgewachsen war, 1938 in Berlin die mörderische Judenhetze in der Reichkristallnacht miterlebte - ein Ereignis, das sie politisch endgültig wachrüttelte, wie sie sagte. Wie sie als Chemie-Studentin in München gemeinsam mit ihrem halbjüdischen Verlobten Hans Leipelt in einer Gruppe von Hitler-Gegnern zunächst verbotene Bücher austauschte, diskutierte. Und wie sie schließlich aktiven Widerstand leistete: Im Februar 1943 bekam sie das sechste und letzte Flugblatt der "Weißen Rose" in die Hände und war fasziniert. Nach der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl tippten sie und Leipelt das Flugblatt ab, "auf einer kleinen Reiseschreibmaschine", erzählte sie, und verteilten es - ergänzt durch die Überschrift "Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!". Zudem sammelte die Gruppe Geld für die Witwe des hingerichteten Verfassers des Flugblatts, Prof. Kurt Huber.

Ein unbekannter Verräter lieferte sie aus. Hans Leipelt wurde am 26. Januar 1945 hingerichtet, Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Am 29. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Gefängnis in Aichach, wo sie einsaß.

So oft Schultze-Jahn ihre Geschichte später vortrug - Jahrzehnte lang konnte sie gar nicht über die Vergangenheit reden. Sich aufrecht dem Schmerz zu stellen, dass ihr Verlobter sich vor Gericht zu ihren Gunsten hatte zusätzlich belasten lassen, verlangte ihr viel ab. Als Heldin hätte sie sich nie bezeichnet.

Zu ihrer eigentlichen Arbeit machte sie das Erinnern und Mahnen, nachdem sie 1988 ihre internistische Praxis im Tölzer Badeteil geschlossen hatte. Mit Liebenswürdigkeit und Humor, aber auch sehr energisch und mit preußischer Disziplin hinterließ sie auch im Stadtbild Spuren. So setzte sie sich für das Todesmarsch-Denkmal an der Mühlfeldkirche ein und regte später an, mit sogenannten "Ge(h)denksteinen" im Straßenpflaster an jüdische Mitbürger zu erinnern, die bis zum Nationalsozialismus in Bad Tölz lebten.

Im Landkreis, wo sie seit 1969 zuhause war, war die kleine, zierliche, aufrechte Dame zuletzt als moralische Autorität anerkannt. Das äußerte sich 2003 in der Aufstellung einer Ehrentafel auf der Flinthöhe, 2008 in der Verleihung der Isar-Loisach-Medaille des Landkreises.

Privat lebte Schultze-Jahn zurückgezogen. Vor einem Jahr zog sie aus Oberfischbach ins Tölzer Josefistift. Fast bis an ihr Lebensende verfolgten sie die schweren Erinnerungen. Zuletzt aber, so berichten Freunde, die bei ihr waren, hatte sie ihren Frieden gefunden.

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