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Gedenkseite für Nadine Recic
Wann ist ein Mensch wichtig?
Ist ein Mensch wichtig, wenn er berühmt ist?
Ist ein Mensch wichtig, weil er reich ist?
Ist ein Mensch wichtig, weil er mächtig ist?
Ist ein Mensch wichtig, weil er etwas geleistet hat, das für die Gesellschaft positiv zählt?
Oder sagen wir: „Jeder Mensch ist wichtig“ und sagen damit, dass wir keinerlei Interesse haben, uns mit einem Menschen intensiv zu befassen. Denn wir könnten genauso gut auch sagen: „Jeder Mensch ist unwichtig“.
Nadine war nicht berühmt.
Nadine war nicht reich.
Nadine – so würden es wohl viele denken – hat der Gesellschaft auf der Tasche gelegen.
Und Nadine war nicht einmal in ihrer eigenen Wohnung mächtig.
Aber Nadine war Nadine.
Nadine war immer nur Nadine. Sie konnte sich nicht verstellen, sie war in ihrem ganzen Leben keine Schauspielerin. Alles was sie sagte war das, was sie in dem Augenblick gedacht und gefühlt hat. Nadine hatte eine unfassbare Ehrlichkeit, die teilweise überraschend, teilweise auch extrem verletzend war, ich glaube, das wissen wir alle.
Ich kann mich erinnern, als sie ihre Ärztin bat, mich auf ihre Krankenkassenkarte zu behandeln, weil ich doch als Privatpatient eine Selbstbeteiligung hätte. Sie hätte schlichtweg nicht lügen können.
Und ich könnte viele andere, eigentlich sehr intime Momente aufführen, die sie mit einer solchen Offenheit vollführte, dass ich es hier nicht nennen möchte.
Als sie bei Kaufland erwischt wurde, als sie dort eine Sonnenbrille nicht ordnungsgemäß auf das Kassenband gelegt, sondern einfach auf ihrem Kopf gelassen hatte, habe ich ihr geraten, einfach die Aussage zu verweigern. Sie war aber der Meinung, dass sie doch aussagen müsste.
In einem Lied von Peter Maffay heißt es: „Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben“
Nadine ist – so mein Eindruck – nicht ein Kind geblieben, sondern ein Kind geworden, weil man ihr die Kindheit genommen hatte. Die Kindheit war geprägt von Vernachlässigung und Gewalt, bis eine Lehrerin – sie hieß wohl Frau Vogel – dafür gesorgt hat, dass sie in die Jugendpsychiatrie Wiesengrund kam.
Im Oktober 2015 bin ich mit ihr zufällig auf das Gelände dieser Einrichtung in Hermsdorf, die es damals schon nicht mehr gab, gelangt. Viel hatte sich damals nicht geändert zu der Zeit, als Nadine dort gewohnt hat. Ich hatte mir damals eine neue Kamera gekauft und Nadine dabei gefilmt, wie die Erinnerungen ihrer Jugend zum Leben erweckt wurden, eine Jugend, die deutlich glücklicher verlaufen ist als ihre Kindheit. Ich habe mir diese Szenen vor kurzem wieder angesehen. Sie hatte mir ihre Erinnerungen geschildert, sie hat sich auf die alten Spielgeräte gesetzt. Es war zu spüren, wie glücklich sie in dem Moment ihrer Erinnerungen war.
Nadine – ich weiß, wie schmerzhaft Dein Leben war. Ich weiß aber auch, wie dankbar Du für jeden Augenblick warst, der Dir diesen Schmerz ein wenig genommen hat. Ich weiß, dass Deine Ehrlichkeit manchmal verletzend war, dass Du Dich aber sofort wieder entschuldigt hast, weil Du dann gesagt hast: „Du kannst ja nichts dafür“. Ich war nicht Grund für Deine Wut, vielleicht war mein Verhalten aber manchmal Auslöser. Es tut mir leid, dass ich mich nicht voll und ganz auf Dich einlassen wollte, dass ich mich nicht in Deine Gondel der Achterbahn setzen wollte. Ich weiß, dass ich Dir nicht all das geben konnte, was Du Dir von mir gewünscht hast. Ich hätte Dir trotzdem gern noch viele Situationen ermöglicht, von denen ich wusste, dass sie Dich glücklich gemacht hätten.
Dass Du meiner Tante aus dem Nichts heraus sagtest, wie sehr Du sie mögen würdest, nachdem Du sie vielleicht eine halbe Stunde gesehen hattest, dass Du meine Mutter nach dem ersten Eindruck sofort mochtest, hat für mich das Gefühl hinterlassen, dass Du – gerade nach dem Jahr, als Jeanny, die von Dir so geliebte Hündin und Deine Oma, die so etwas wie Deine Ersatzmutter war, starben – am Suchen warst.
Nadine – ich weiß nicht, was genau in den letzten drei Tagen in Deinem Leben passiert ist. Deine letzte Sprachnachricht an mich endete mit „Ich melde mich, wenn es mir wieder besser geht. Kussi“, die letzte Nachricht war ein „Danke“.
Ich weiß nicht, ob Du am Ende noch einmal Schmerzen erleiden musstest.
Ich weiß, dass ich Deinen Schmerz in der Einsamkeit unterschätzt habe.
Das tut mir unendlich leid. Ich bin mir nur sicher, dass Du noch nicht gehen wolltest.
Nadine – auch wenn es weder Deine noch meine Religion so vorsieht, wünsche ich Dir, dass Du noch einmal auf der Erde ein Leben als Mensch beginnen kannst.
Diesmal aber ohne Schmerzen.




