Gertrude Pachali

Gertrude
Pachali

02.04.1887
Altmark Westpreußen
-
13.03.1959
Berlin

stimmungsbild

Gedenkseite für Gertrude Pachali

Meine liebe Omi,

Du hast uns leider zu früh verlassen, kurz vor Vollendung Deines 72. Geburtstages, plötzlich und unerwartet; ich erinnere mich daran, als wäre es erst gestern gewesen.

Ich kam aus der Schule, nichts Böses ahnend, Mama öffnete weinend die Tür: „Unsere Oma ist gestorben“ – das war für mich so ein furchtbarer Schock!
Ich durfte noch von Dir Abschied nehmen, und auch das wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

Du hast auf Deinem Bett gelegen, in Deinem besten, schwarzen Kleid. Du hast ganz friedlich ausgesehen, als würdest Du schlafen, und etwas Schönes träumen; auf Deinem Gesicht war keine Spur von Schmerz.
Der Tod hatte Dich überrascht, als Du dabei warst, die Küche aufzuwischen – so schnell kann das gehen! Mama hatte Dich gefunden, als sie vom Markt kam; Du warst einfach tot umgefallen.
Für Dich – wenngleich zu früh - ein wunderbarer Tod, aber für uns alle war es so furchtbar schwer, das zu begreifen.

Leider durfte ich nicht zum Begräbnis gehen – das Kind sollte sich nicht aufregen; dabei war ich schon fast 12 Jahre alt. Tja, Omi, es ist so schade, dass Erwachsene es immer „gut meinen“ müssen. Der Tod gehört zum Leben, und daher hätte ich mich nicht mehr aufgeregt, als jeder andere Mensch, der seine geliebte Oma verloren hat, traurig ist, und weint!

Dass ich immer noch so oft an Dich denken muss, nach all den Jahren, das hängt wohl damit zusammen, dass ich im Laufe meines Lebens Erlebnisse hatte, die mich in meinem Glauben bestärkten, dass das Leben eben nicht mit dem Tode zu Ende ist; dazu fallen mir dann auch sofort wieder Geschichten ein, die Du mir erzählt hattest:

Du bist auf dem Lande aufgewachsen, in Westpreußen, damals noch dicht an der polnischen Grenze; heute gehört Deine Heimat eben – leider – zu Polen. Auf der Flucht vor den Russen, hatte es Dich irgendwann nach Berlin verschlagen, wo Du Deinen späteren Ehemann kennenlerntest, der aus Schlesien kam, wo heute der Tscheche sitzt. Aber da habe ich jetzt zu weit vorgegriffen; bleiben wir noch kurz in Westpreußen…

Ende des 19. Jahrhunderts gab es noch kein Telefon, keinen Fernseher - in Deinem kleinen Dorfe, wo sich die Füchse gute Nacht sagten, kanntet Ihr weder Kino, noch Theater, und das Internet war natürlich auch noch längst nicht erfunden – was solltet Ihr also machen, am Abend, wenn die Arbeit getan war? Ihr habt Euch am Gartenzaun getroffen, und Euch Gruselgeschichten erzählt, die der eine oder andere Nachbar, die Freundin, oder sogar der Herr Pfarrer, erlebt haben wollte!

Von versunkenen Kirchen war da die Rede, von sprechenden Glocken, vom Teufel mit dem Pferdefuß – und das waren dann auch meine Kindermärchen!
Inwieweit sich da Fantasie und Realität vermischt hatten, kann ich nicht sagen, und dass ich selbst, schon von frühester Kindheit an, Begegnungen der „dritten Art“ hatte, hängt gewiss auch nicht damit zusammen; es kann aber gut sein, dass die Spiritualität irgendwie in der Familie liegt.

Wie dem auch sei, Du hast mir sehr gefehlt, in all den Jahren; nicht nur während meiner Kindheit, sondern auch noch viel später. Fast all meine Freundinnen hatten noch mindestens eine Oma, oder sogar Oma und Opa. Ich hatte immer nur Dich, denn Deinen lieben Mann, Opa Gustav, habe ich nie kennengelernt; er war bereits etwa ein Jahr vor meiner Geburt verstorben. Die Schweizer Großeltern, Opa Adolf und Oma Monika, kannte ich auch nicht. Papas Vater war leider ebenfalls bereits vor meiner Geburt gestorben, und seine Mutter nur wenige Jahre nach Papas frühem Tode; ich vermute, an gebrochenem Herzen, denn genau weiß ich es leider nicht. Jedenfalls hatte ich nie die Möglichkeit, sie kennenzulernen; Schaffhausen war von Berlin aus zu weit, und die Reise dorthin viel zu teuer, damals…

Wenn ich an Dich denke, dann fällt mir vor allem ein Erlebnis ein, dass ich vor vielen Jahren hatte, als ich dabei war, Dein Grab zu pflegen…

Wer meine Gedenkseiten kennt, der weiß, dass ich oft über „Erlebnisse der dritten Art“ geschrieben habe. Es steht natürlich jedem frei, mir zu glauben, oder eben nicht; mich für verrückt zu halten, fände ich persönlich zu einfach! Ich kann allerdings gut verstehen, dass Menschen, für die nach dem Tode eben „alles vorbei ist“, es vorziehen, für sich zu entscheiden, dass es „sowas nicht gibt“ – wenn Sie sich dann besser fühlen! Es stört mich nicht, denn ich höre ja nicht, was sie darüber sagen, oder denken.

Ich meine, es war etwa 10 Jahre nach Deinem Tode, im November, kurz vor Totensonntag, wo man eben die Gräber für den Winter mit Tanne eindeckt, Kerzen anzündet, und für seine lieben Verstorbenen betet. Mama war krank, konnte sich also –ausnahmsweise – nicht darum kümmern, und daher hatte sie mich gebeten, das für sie zu erledigen.

Es war ein schöner, Tag, wenngleich etwas diesig, November eben; weit und breit war keine Menschenseele auf dem Friedhof zu sehen. Ich hatte meine Arbeit beendet, Dein Grab sah sehr schön aus. Wie von ungefähr schaute ich in die andere Richtung… Ich traute meinen Augen nicht, wollte selbst nicht glauben, was ich da sah:

Eine, in schwarz gekleidete, alte Dame tauchte wie aus dem Nichts auf, und kam langsam den Gang entlang. Sie schaute weder nach rechts, noch nach links, interessierte sich offensichtlich nicht für die anderen Gräber, wie viele alte Menschen das tun, die gerne und oft über den Friedhof spazieren.

Diese Frau trug Deinen Mantel, Deinen Hut, Deine Handtasche, bewegte sich langsam in meine Richtung, ohne mich jedoch direkt anzusehen. Sie hatte ein mildes Lächeln auf den Lippen, und, obwohl sie absolut „irdisch“ wirkte - nicht etwa wie ein Geist - ging von ihr etwas Überirdisches aus. Als die Frau immer näher kam, erkannte ich meine Oma, deren Grab ich gerade eingedeckt hatte! Ja, das warst Du, und daran bestand -und besteht - für mich überhaupt kein Zweifel! (Du hattest zu Lebzeiten mal gesagt, dass Du Dich, nach Deinem Tode, irgendwann zeigen würdest, wenn es Dir möglich sein sollte...)

Besonders bemerkenswert fand ich, dass Du in dem Moment, als Du an mir vorbeigingst, Deinen Kopf von mir abwandst, abrupt, fast brüsk, als wolltest Du mir damit bedeuten, dass ich Dich nicht ansprechen sollte - ich war ohnehin nicht in der Lage dazu!!
Du bist dann langsam weitergegangen, und ich verfolgte Dich mit meinen Blicken, regungslos, bis Du nicht mehr zu sehen warst. Ich war irgendwie fassungslos, aber dennoch unbeschreiblich glücklich!

Wieder zuhause, erzählte ich Mama sofort davon, aber sie glaubte mir das natürlich nicht: “Das gibt es nicht, das war irgendjemand anders“…Nein, das war niemand anderes!

Du kanntest Deine Tochter Hildegard gut genug, um zu wissen, dass sie sich, in gewisser Hinsicht, immer an den, von Lenin geprägten, Leitsatz hielt: VERTRAUEN IST GUT, KONTROLLE IST BESSER!
Kaum genesen, bestand sie daher darauf, dass wir gemeinsam nochmals auf den Friedhof fahren, damit sie begutachten konnte, ob ich Dein Grab auch ordentlich eingedeckt hatte – so war Mama eben! Also sind wir, etwa zwei Wochen später, gemeinsam auf den Friedhof gefahren…
An diesem Tage war es zwar kühl, aber sonnig und schön. Mama hatte en meinem Werk sogar kaum etwas auszusetzen; nur einige Blätter, die der Wind auf Dein Grab geweht hatte, mussten unbedingt entfernt werden. Während Mama die Blumen arrangierte – sie kniete direkt vor dem Grab – stand ich nur daneben. Als wenn es mir eine innere Stimme gesagt hätte, schaute ich unvermittelt rechts hinüber, von wo Du damals plötzlich gekommen warst…

„Mama, da kommt Oma“… konnte ich nur noch stammeln… denn das Szenario von vor zwei Wochen wiederholte sich: die „Dame in Schwarz“ bewegte sich lächelnd auf uns zu – Du warst ein zweites Mal gekommen, vermutlich, um Deiner Tochter zu beweisen, dass Dein Enkelkind nicht an Halluzinationen leidet.

„Ach, Quatsch“… brachte Mama hervor, sprang aber auf, wenngleich leicht verärgert, denn sie dachte wohl, ich wollte sie verkohlen. Sie blieb wie angewurzelt stehen, ich daneben, wir konnten uns beide nicht rühren – es muss ein Bild für Götter gewesen sein, im wahrsten Sinne des Wortes.

„Äh… ja“… konnte Mama nur mühsam hauchend, fast röchelnd, hervorbringen. Du kamst immer näher, meine liebe Omi, leicht, sanft lächelnd, ohne uns direkt anzusehen, und dann war es wie beim ersten Mal: in dem Moment, als Du an uns vorbeigingst, hast Du Deinen Kopf brüsk zur Seite gedreht, was wohl bedeuten sollte „ja, ich bin es, aber sprecht mich nicht an“… um dann, vor unseren Augen, Deinen Weg fortzusetzen; wir haben Dir total entgeistert nachgeschaut, bis Du aus unserem Blickfeld verschwunden warst!

Mama und ich, wir kamen allmählich wieder zu uns, noch völlig im Bann des soeben Erlebten. Wenngleich Mama die Erklärungen ausgingen, und sie immer noch an eine Doppelgängerin glaubte, hatte ich die besseren Argumente: Warum sollte sich genau das Gleiche zweimal ereignen, und ausgerechnet dann, wenn rundherum kein Mensch zu sehen war? Warum sollte eine wildfremde Frau über den Friedhof gehen, lächeln und wie erleuchtet an uns vorbei, ohne sich für die schön geschmückten Gräber zu interessieren, vielleicht mal kurz stehen zu bleiben, die Inschriften zu lesen, usw.? Warum sollte sie jedes Mal den gleichen Weg genommen, und sich genau so verhalten haben, noch dazu ausgerechnet kurz vor Totensonntag?

Irgendwo habe ich mal gelesen, oder gehört, dass die Toten um diese Zeit über den Friedhof gehen, um zu sehen, ob jemand an sie gedacht hat – das ist dann wohl so, aber ich denke, es ist nur wenigen Sterblichen vergönnt, ihre Liebsten dort wiederzutreffen – danke, Omi, und ich danke dem himmlischen Vater, der uns das wohl ermöglicht hatte!

Einige Jahre später war ich übrigens zu Weihnachten auf dem St. Matthias-Friedhof, um Käthchens Grab zu besuchen. Es war kalt, und es lag hoher Schnee. Plötzlich, kurz vor ihrem Grabe, nahm ich einen sehr starken Rosenduft wahr. Da nirgends ein Rosenstrauß zu entdecken war, bin ich von einem Gruß aus dem Himmel ausgegangen – gewundert habe ich mich nicht mehr darüber, denn dazu hatte ich schon zu viele ähnliche Erlebnisse; der Duft begleitete mich, bis ich den Friedhof verlassen habe.

Mit dieser Geschichte möchte ich den Nachruf für Dich nun endlich beendet haben – ich hoffe, Du bist damit zufrieden!
Ich bete immer für Dich, und für alle, die schon dort oben sind, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass Du bereits wieder auf die Welt kommen durftest, d.h., Deine liebe Seele. Wie auch immer: ich wünsche Dir, dass Du dort, wo Du inzwischen bist, glücklich und zufrieden sein darfst!

Ich danke Dir für Deine unendliche Liebe; ich werde Dich nie vergessen!
Deine Angelika