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von Heike Vorwieger am 08.12.2025 - 11:22 Uhr | melden
Mein Liebster,
nun ist es tatsächlich wahr geworden – vor zehn Jahren hast du mich so völlig unvorhergesehen, plötzlich und ohne irgendeine Vorwarnung verlassen müssen. Die Welt, die Zeit und mein Herz blieben am 8.Dezember 2015 stehen. Genau in dem Moment, als ich die Worte des Notarztes an deinen Sohn hören musste: „Gehen Sie zu Ihrer Mutter. Ihr Vater ist bereits seit mehr als zehn Minuten klinisch tot.“
Wie kann das möglich sein? Du hast doch vor ein paar Minuten, Stunden noch geatmet, geweint aber auch schrecklich vor Schmerzen gestöhnt. Du hast mir doch noch über die Wange gestreichelt und meine Tränen sanft weggewischt, bevor du ins Badezimmer gewankt bist.
Ich habe deinen Sturz ins Bad gehört. Bin aufgesprungen. Sah dich bewusstlos im Bad liegen. Habe geschrien, geweint, Robert gerufen, versucht dich wiederzubeleben, versucht das Telefon zu holen, versucht unsere Hündin zu beruhigen, dazwischen den Notruf angerufen – gefühlt alles gleichzeitig. Es hat alles nichts geholfen. Du bist gegangen. Und ich musste zusehen. Mein Keithi, ich vermisse dich wie am ersten Tag und es schmerzt mich heute noch genauso intensiv und tief wie vor zehn Jahren.
In diesen zehn Jahren hat sich nicht nur mein Leben total verändert. Auch die ganze Welt, wie du sie kanntest, hat sich komplett verändert. Krankheiten, zunehmende Wetterkatastrophen, Kriege, Faschismus, Macht, Geld, Gier und nicht zuletzt die sogenannten „sozialen Medien“ beherrschen die Welt und da ein großer Teil der Menschen deutschland- aber auch weltweit nicht gelernt hat, vernünftig, emphatisch und vor allem gewissenhaft mit den stetigen und unausweichlichen Veränderungen einer Gesellschaft, Umwelt und Kultur umzugehen, stehen wir nunmehr vor Beginn neuer Herausforderungen, wenn nicht sogar einer neuen Weltordnung.
Diese neue Weltordnung markiert einen enormen Wendepunkt unserer bisherigen bekannten Welt, für Europa und somit auch für Deutschland. Um aus den Fehlern der Vergangenen zu lernen, hatte man nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest versuchen wollen, Menschenrechte sowohl wirtschaftlich als auch politisch und diplomatisch durchzusetzen. Das ist nunmehr wegen Wohlstandsverwahrlosung der reichen Industriestaaten gescheitert, eine neue Ära beginnt und ich, aber noch mehr deine Söhne und deine Enkelin werden Zeuge und Teil dieser historischen Zeitenwende, ohne zu wissen, was und in welchem Ausmaß da auf uns zukommen wird – geopolitisch und gesellschaftlich.
Leider ist es inzwischen sehr vielen Menschen und zunehmend auch der Politik egal, wie unsere Kinder und Enkelkinder zukünftig auf dieser schönen Erde leben dürfen und können. Diese Egoisten leben nur im Jetzt und Heute. Alte weiße Männer, extrem reiche Menschen, Populisten, Autokraten, Diktatoren und nicht zuletzt die menschliche Dummheit lenken und leiten die Geschicke dieser Welt ohne Skrupel. Kein anderes Lebewesen dieser Erde zerstört seinen Lebensraum und seine Existenz bewusst und/oder absichtlich – lediglich das „vermeintlich“ vernunftbegabte und intelligenteste Lebewesen, der Mensch, tut dies – und das mit übergroßer Ignoranz gegenüber allen und allem und mit Vorsatz, Absicht sowie vollem Wissen.
Mich erschüttert in zunehmendem Maße die augenscheinlich fortschreitende Verblödung und Verrohung von Teilen der Menschheit – weltweit. Zugleich nehmen Respekt, Mitgefühl, Rücksichtnahme, Verständnis, Freundlichkeit und vor allem grundlegendes Wissen ab. Mein Keithi, es fällt mir wirklich schwer, dass zu schreiben, aber du hast, was unsere Grundwerte sowie das Wissen und Gewissen betrifft, in den vergangenen zehn Jahren nichts verpasst – im Gegenteil. Außer vielleicht zu erkennen, wer jetzt eigentlich noch Freund und nicht schon Gegner ist.
Neben diesen globalen und weitreichenden Veränderungen und Herausforderungen, hören sich meine Probleme und Sorgen einfach nur noch banal an. Und deshalb will ich nicht klagen, sondern dir nur traurig mitteilen, dass wir, deine Söhne und ich, nunmehr unseren gemeinsamen und geliebten Heimatort verlassen haben und seit geraumer Zeit in der Nachbarstadt wohnen. Aber wie versprochen werden wir zurückkehren. Sobald eine schöne, kleine Wohnung für uns und nach unserem Geschmack frei wird, sind wir wieder da…
Am 24. Oktober hat auch deine liebste Mama den Kampf gegen Krankheiten und Alter verloren und am 22.11. haben wir im Kreis deiner lieben Familie deine Mutti, die liebste Omi und Uromi in unserer schönen Ostsee bestattet. Es war sehr bewegend. Deine Mama hat es fast zehn Jahre geschafft, dich zu überleben und damit die Erinnerungen an dich aufrechtzuerhalten und sei versichert, sie hat bis zur letzten Minute gekämpft. Und weil sie uns alle geliebt hat, hat sie auch bis zum Schluss alle Schmerzen und Probleme vor uns zu verbergen gewusst. Deine Mama war eine ganz starke, besondere und bemerkenswerte Frau. Ich werde ihr Andenken immer im Herzen tragen.
Mein Keithi, ein zunächst neuer und hoffentlich nicht allzu langer Lebensabschnitt in dieser Stadt beginnt nun noch einmal für mich. Auch wenn mir so manches zunehmend schwerer fällt, lasse ich mich jedoch nicht unterkriegen. Ich habe schon so vieles ohne dich schaffen müssen und ich werde auch diese Hürde meistern. Du gibst mir die Kraft. Du gibst mir die Hoffnung. Du bist meine Liebe. Du bist immer bei mir und wirst es auch immer sein.
Mein Liebster, ich liebe dich bis zum Himmel, deine Frau ❤️




