Von Andreas Steinhardt 27.02.2021 um 22:36 Uhr | melden
Zur Gedenkkerze ein Märzgedicht von Erich Mühsam.
Ich traf eine alte Frau, die Dir, liebe Oma, sehr ähnlich ist, vom Aussehen, von ihrer Art. Ich muß immerzu daran denken. Auch an Dich, diesen herzensguten, melancholischen aber auch fröhlichen Menschen, diese Mischung der hin- und hergerissenheit, die ewig Zweifelnde, die ewig Suchende, die Zufriedene, die Unzufriedene, die Mitreißende, die Anarchistin, die große Persönlichkeit...
März
von Erich Mühsam
Der Nachtschnee färbt die Straße blau.
Schwarz wächst der Wald am Weg empor,
streckt kahles Ästewerk hervor
wie drohende Wehr aus Feindesbau.
Wer hat den feuchten Schnee gehäuft?
Wer hat den Himmel grau verdeckt?
Wer hat den irren Fuß geschreckt,
dass er in lauernde Ängste läuft?
Das ist der März: der drückt und droht.
Das ist die Schwangerschaft der Welt.
Das ist, vom Frühlingsdunst zerspellt,
des Winters röchelnde Sterbensnot.
Erich Mühsam, *1878 in Berlin, + 1934 im KZ Oranienburg.





