Theresia Remiorz

Theresia
Remiorz

16.06.1907
Neu-Wuttrienen
-
16.04.1997
Gladbeck

stimmungsbild
ZurückEine brennende Kerze: Kerze flieder lang
Baum im Herbst

Von Andreas Steinhardt 06.10.2023 um 23:21 Uhr | melden

Zur heutigen Gedenkkerze ein schönes Gedicht von meinem Lieblingsautor Hermann Hesse, passend zum Herbst, zum Oktober.

Beobachten Sie auch still die Entwicklung der Bäume, ihres Laubes in dieser Jahreszeit? Erfreuen sich auch über die sich im wundervollem rot verfärbenden Blätter im tiefen, besonders am Spätnachmittag herrlich diffusen Oktoberlicht der langsam ihre Abendrunde drehenden Herbstsonne?


Baum im Herbst

von Hermann Hesse

Noch ringt verzweifelt mit den kalten
Oktobernächten um sein grünes Kleid
Mein Baum. Er liebts, ihm ist es leid,
Er trug es fröhliche Monde lang,
Er möchte es gern behalten.

Und wieder eine Nacht, und wieder
Ein rauher Tag. Der Baum wird matt
Und kämpft nicht mehr und gibt die Glieder
Gelöst dem fremden Willen hin,
Bis der ihn ganz bezwungen hat.

Nun aber lacht er golden rot
Und ruht im Blauen tief beglückt.
Da er sich müd dem Sterben bot,
Hat ihn der Herbst, der milde Herbst
Zu neuer Herrlichkeit geschmückt.

-
Besonderes zum Gedicht:

Der Baum kämpft um sein grünes Kleid, welches er nicht verlieren möchte. Das Blätterkleid verfärbt sich im Laufe des Herbstes immer mehr, bis der Baum in Strophe 3 in einer golden-roten Farbe LACHT...

Interessant ist, das Hesse uns eine Mischung aus Kreuzreimen und umarmendem Reim präsentiert, jeder vierte Vers der drei Strophen fällt vom Reimschema ab - Sätze enden auch ex abrupto in einer Strophe, "Mein Baum" (ein lyisches Ich!), "Ein rauher Tag" - eher seltener in Gedichten zu finden - Rilke fällt mir dazu gerade ein.

Hermann Hesse, *02. Juli 1876 in Calw, BW, nahe Pforzheim,
+09. Aug. 1962 in Montagnola, CH, südwestlich von Lugano.