Von Andreas Steinhardt 23.06.2025 um 21:33 Uhr | melden
Zur heutigen Gedenkkerze ein Gedicht von Emil Rittershaus über die Heimat.
Theresia ist gebürtige Ostpreußin, in liebevoller Erinnerung sind mir ihre vielen wunderschönen Erzählungen über Masuren. Sie haben mich so geprägt, dass ich ihre Herkunft, die Heimat meiner Ahnen, auch als meine "Heimat der Seele" betrachte.
Die Stadt in der ich aufwuchs bedeutet mir zum Beispiel sehr wenig, irgendwann war sie mir zu klein geworden, die Menschen zu engstirnig, und ich zog hinaus, in verschiedene große Städte. Ich brauche immer Abwechselung, bin ein unruhiger Geist - ähnlich wie Theresia. Ihr merkte man dieses durchaus an - mir als Enkel weniger.
Es kommt einem vor, als ob ich in mir selbst ruhen würde - es trügt der Schein. Theresia merkte man ihre innere Unruhe durch große Lebhaftigkeit an, teilweise auch durch zeitweilige Hektik ohne erkennbaren Grund.
Meine Heimat ist überall dort, wo ich mich wohl fühle oder meine erwählte Familie wohnt.
Ich könnte überall hinziehen - Berlin, Hamburg, München, Leipzig oder Frankfurt - immer an einem Ort zu bleiben finde ich ankettend. Meine Heimat ist hier, wo meine Wahlfamilie ist - und auch dort, in der Ferne...so muss ich oft in meine Lieblings-Großstädte reisen um mein Fernweh, meine Sucht nach "anderswo" zu stillen.
Theresia musste auch ständig woanders sein, sie liebte es auch, bis zu einem gewissen Alter - andere Städte zu besuchen. Immer auf der Suche nach der Heimat?
Meine Großmutter sprach so viel über ihre Vergangenheit - IHR Masuren - "Nirgendwo ist Wuttrienen" sagte sie oft, vielleicht in Anlehnung an den Roman von Christine Brückner von 1977: "Nirgendwo ist Poenichen..."
Manchmal bewundere ich die, welche immer an ihrem kleinen Geburtsort blieben, nie weg fahren, sich immer auf wenigen Quadratkilometern bewegen. Ihr Leben lang. Noch nicht einmal verreisen wollen. Ich kenne einige. Nur ich verstehe sie nicht... ähnlich wie Theresia.
Ich brauche den Gedanken zu wissen, das ich in Kürze in Berlin und Potsdam bin, in München und in Hamburg. Ich liebe aber meine Rastlosigkeit,
sie ist ein großer Teil von mir. Sie ist keine Qual, sondern Bestimmung und Passion.
Geplant ist nun endlich, voraussichtlich aber erst im kommenden Jahr, eine Reise nach Allenstein (Olztyn) mit Besuch des Geburtsortes meiner Großmutter, Wuttrienen (Butryny) wie Wohnort Neu-Wuttrienen (Chaberkowo) im Kreis Allenstein. Ich bin prospektiv sehr gespannt auf meine Gefühle dort, da ich die Heimat meiner Ahnen mütterlicherseits wie schon oben erwähnt auch als "Heimat meiner Seele" betrachte. Je weiter östlich ich reise, desto wohler fühle ich mich. Allein schon in Berlin fühle ich mich quasi daheim.
Auf der ewigen Suche nach DER "Heimat"? - gibt
es sie für mich? Dort, wo die Ahnen lebten? Möchte ich dort vielleicht "gar nicht mehr weg" - oder ist es ein vollkommener Trugschluss?
Nirgendwo ist "Wuttrienen" - ich denke so oft an Theresias Satz zurück...
Die Heimat
von Emil Rittershaus
Was ist die Heimat? Ists die Scholle?
Drauf deines Vaters Haus gebaut?
Ists jener Ort, wo du die Sonne,
Das Licht der Welt zuerst geschaut?
O nein, o nein, das ist sie nimmer!
Nicht ists die Heimat, heißgeliebt.
Du wirst nur da die Heimat finden,
Wos gleichgestimmte Herzen gibt!
Die Heimat ist, wo man dich gerne
Erscheinen, ungern wandern sieht.
Sie ists, ob auch in weiter Ferne
Die Mutter sang dein Wiegenlied.
Emil Rittershaus, *03. April 1834 in Barmen
(heute zu Wuppertal), +08. März 1897 ebenda.
Rittershaus war ein dt. Lyriker und Rezitator, sehr bekannt sein "Westfalenlied"





