Von Andreas Steinhardt 11.01.2023 um 00:49 Uhr | melden
Gerda starb heute vor 29 Jahren, am 11. Januar 1994 um 22.05 h. Wir alle hatten die Hoffnung, das es trotz ihrer schweren Herzkrankheit doch noch Rettung gibt, eine baldige Operation, bei der ihr neue Herzklappen eingesetzt werden sollten - eine Herztransplantation war sogar im Gespräch. An diesem Tage, dem 11. Januar, bekam ich in ihren Minuten des Todes ein ganz bedrückendes Gefühl. Ich wurde sehr traurig und hatte den Eindruck, das sie an diesem Abend sterben könnte. Ich war noch am frühen Abend bei ihr im Hospital zu Besuch. Es gab keine Verbesserung zu den Vortagen. Mit ihrem Tod rechnete ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht. Um 22 Uhr, Minuten vor ihrem Tod, saß ich noch mit einem Freund in einer im Ort bekannten Schüler- und Studentenkneipe zusammen und sprach zu ihm: Mir ist so eingenartig zumute, ich muss gerade ganz stark an meine Mutter denken und eine große Traurigkeit kommt in mir auf...ich habe ein ganz schlechtes Gefühl...danach sagte ich nur noch zu ihm: Ich kann nicht mehr weiter sprechen... - wenig später ging ich allein nach Hause - und das Telefon schellte. Es ereilte mich die Nachricht vom Hospital, das meine Mutter um 22:05 h verstorben sei - leider wollten meine Brüder, denen ich anschliessend die traurige Nachricht telefonisch überbrachte, nicht noch mit mir zum Hospital gehen um unsere verstorbene Mutter noch einmal zu sehen. Ich musste dies zur Kenntnis nehmen, respektieren, aber ich fühlte mich dadurch als jüngster der Brüder völlig im Stich gelassen, alleine mit der Situation. - Meine Mutter lag im Zimmer des Hospitals aufgebahrt, eine Kerze stand neben einem Kruzifix auf dem Tisch und erhellte diffus den Raum. Die Athmosphäre war ein Widerspruch in sich - unwirtlich, aber auch trostreich, verstörend aber beschaulich, warm und kalt zugleich, Hoffnung nehmend und Hoffnung gebend. Eine halbe Stunde verbrachte ich in dem Sterbezimmer, sprach zu meiner Mutter. Ich dankte Ihr für eine wundervolle Zeit, Kindheit, Jugend, sagte Dinge, welche man oft zu Lebzeiten vergisst zu sagen. Vieles, was ich dort ausgesprochen habe, entfiel mir bereits wenig später. Ausnahmesituaton. Chaos im Hirn. Totale Überforderung. Nachdem ich das Sterbezimmer verließ, nahmen mich die beiden netten Nachtschwestern mit in ihren Aufenthaltsraum. Sie taten mir sehr gut, wir tranken Kaffee und sie gaben mir Zigaretten. Zu diesem Zeitpunkt rauchte ich gar nicht, aber ich nahm diese und eine weitere dankend an. Die Schwestern waren so fürsorglich, so nett, und fragten viel über meine Mutter, ich erzählte aus Ihrem Leben. Es war mittlerweile weit nach Mitternacht, und ich danke heute noch diesen beiden Schwestern, die mich in dieser extremen Situation aufgefangen haben. Nach einer schlaflosen Nacht fuhr ich am Morgen zu meinem ältesten Bruder Axel, ich erinnere mich, das ich gar nicht verstand, warum denn jetzt die Sonne so wunderbar schien...mein Kosmos war untergegangen und es regnete nicht Hund und Katz? - ein Jahr später, am 11. Januar 1995, besuchte ich am Nachmittag das Grab unserer Mutter. Der erste sich jährende Todestag ist natürlich etwas sehr spezielles, gelinde gesagt geht es einem an diesem Tage natürlich ganz und gar nicht gut. Am Nachmittag besuchte ich das Grab unserer Mutter, legte Blumen nieder, zündete Kerzen an. Jener Tag, der nun 1 Jahr zurücklag, lief immer wieder und immer wieder wie ein Film vor meinen Augen ab. Ich entschloss mich, zur Todesstunde ab 22 h noch einmal zu ihrem Grab zu gehen. Warum nicht. Ich wohnte derzeit um die Ecke des Friedhofs, konnte hinlaufen. Es ging mir eh schlecht an diesem Tag - dann konnte ich mir dies auch ruhig noch antun - um 22 h, als ich den Friedhof in Gladbeck-Rentfort betrat, begann es furchtbar zu regnen und zu hageln. Um 22:05 h, ihrer exakten Sterbeuhrzeit, stand ich vor ihrem Grab, nochmals mit einer Kerze in der Hand, die ich anzünden wollte, und es hörte ex abrupto auf zu regnen und der Himmel tat sich ganz rasch über den Gräbern wieder auf - man sah durch die große klaffende Wolkenlücke die schönsten Sterne funkeln. Das gab mir Hoffnung, wie ein Signal vom Himmel, ein Zeichen unserer Mutter. Und ich musste sogar lächeln statt ganz traurig zu sein, denn es verfehlte ganz und gar nicht seine Wirkung. Ich dachte mir: Ja, Du bist da drüben. Da oben. Da irgendwo. Da wo die schönsten Sterne sind, und einer von denen bist Du, guter Mutter! Ob es Zufall war oder nicht - ich werte es aber schon als Zeichen, da es exakt auf die Minute passte...ein schöner Trost!





