Von Andreas Steinhardt 13.10.2023 um 15:10 Uhr | melden
Zur heutigen Gedenkkerze ein Herbstgedicht von Gottfried Keller.
Nun, so langsam meldet sich wirklich der Herbst, in unserer Region kündigt sich kommende Nacht ein Wetterwechsel an, von schwülen 23° C heute zu kühlen 10° C Tagestemperatur am morgigen Samstag. Es ist launisch windig, bedeckt, der starke Morgenregen hat sich bisweilen verzogen.
Gerda würde heute um ihren geliebten Sommer trauern, vielleicht noch einmal die "milde Schwüle" mehr oder minder genießen. Ich freue mich als Freund der kühleren Temperaturen auf die kommenden Tage. Mir machen auch Minusgrade nichts aus - meine Mutter fröstelte schon bei 14°C. - Sommerkind - Winterkind...
Stiller Augenblick
Fliehendes Jahr, in duftigen Schleiern
Streifend an abendrötlichen Weihern,
Wallest du deine Bahn;
Siehst mich am kühlen Waldsee stehen,
Wo an herbstlichen Uferhöhen
Zieht entlang ein stummer Schwan.
Still und einsam schwingt er die Flügel,
Tauchet in den Wasserspiegel,
Hebt den Hals empor und lauscht;
Taucht zum andern Male nieder,
Richtet sich auf und lauschet wieder,
Wie’s im flüsternden Schilfe rauscht.
Und in seinem Tun und Lassen
Will’s mich wie ein Traum erfassen,
Als ob’s meine Seele wär’,
Die verwundert über das Leben,
Über das Hin- und Widerschweben,
Lugt’ und lauschte hin und her.
Atme nur in vollen Zügen
Dieses friedliche Genügen
Einsam auf der stillen Flur!
Und hast du dich klar empfunden,
Mögen enden deine Stunden,
Wie zerfließt die Schwanenspur!
Kurze Anmerkung:
Wie ich finde ein sehr interessantes, etwas anderes Herbstgedicht,
die Ruhe am Waldsee wird prinzipiell als genießerischer Augenblick dargestellt "Atme nur in vollen Zügen - Dieses friedliche Vergnügen",
kein Wort von Sturm oder Regen.
Besonders zum Reimschema:
Die Strophen sind im Schweifreimschema (aabac) aufgebaut und enden mit Hebungen, Paarreime mit Senkungen. Zu Versbeginn findet ein Wechsel Dieser statt (Versfuß Trochäus, Daktylus in immer wieder vorkommenden Senkungen).
Gottfried Keller:
*19. Juli 1819 in Zürich, +15. Juli 1890 ebenda.
Keller war Schriftsteller (z.B. "Der grüne Heinrich") Dichter, nebenbei Maler und im politischen Amt (Erster Staatsschreiber Kanton Zürich)





