Von Andreas Steinhardt 23.10.2023 um 16:08 Uhr | melden
Zur heutigen Gedenkkerze ein heiteres Gedicht zum Thema Reisen von Joachim Ringelnatz.
Gerda liebte den familiären Urlaub in Bayern, in meiner Kindheit und Jugend fuhren wir fast jedes Jahr zum Chiemsee, aber auch ins wunderschöne Berchtesgaden. Die Berge hatten es meiner Mutter besonders angetan, die tolle Landschaft, die gute Luft, von der sie immer daheim im Miefe der Kraftwerke und Zechen schwärmte...
Sie liebte die Menschen, sei es in Gstadt am Chiemsee, am Fuße des Watzmann in Berchtesgaden oder den Münchener Bürger. Gerda kam prima mit den Bayern, mit ihrem Wesen, ihrer Art und dem Dialekt klar, als wäre sie selbst dort unten aufgewachsen. Ich kann dem gar nicht wiedersprechen, ich mag die Bayern auch sehr, sehr gerne, komme mit ihnen ausgesprochen gut zurecht, liebe gar ihre schöne Sprache, und versuche auch den Münchener oder oberbayerischen Dialekt mit ihnen zu sprechen, welchen ich mir etwas mühsam angeeignet habe...nun, sie werden es schnell merken, das ich ein "Preuße" bin, aber es kam bisher relativ gut an...
München war Gerdas (und ist auch noch meine) Traumstadt, ich schlenderte mit meiner Mutter gerne durch die Kaufinger Straße, genossen den einmaligen Charme der "südlichsten Stadt Italiens" ,
sahen im Englischen Garten gerne den Surfern im Eisbach zu, genossen den Viktualienmarkt und aßen gerne in zünftigen Restaurants Schweinsbraten mit Semmelknödel oder Leberkäs mit Spiegelei. Gerda hatte immer, wie auch ich, ein wenig "München-Neid", sah man ein M auf dem Autokennzeichen, oder wir hörten, das Bekannte oder fernere Verwandte nun beruflich in München wohnen...
Reisegeldgedicht
Es gibt der Worte nicht genug,
Um Heim und Heimat laut zu preisen.
Um zehn Uhr vierzig geht mein Zug.
Adieu! Adieu! Ich muss verreisen.
Mein Reisekoffer, frisch entstaubt,
Folgt seiner Sehnsucht in die Weite
Und hat mir freundschaftlich erlaubt,
Dass ich ihn unterwegs begleite.
Und Sehnsucht, Kohle und Benzin
Soll uns recht fern durch Fremdes treiben,
Damit wir denen, die wir fliehn,
Recht frohe Ansichtskarten schreiben.
Auf Wiedersehn! Ich reise fort.
Mein Reisegeld sucht andres, andre.
Bis ich erkenne: Hier ist dort
Und neu vergnügt nach Hause wandre.
Joachim Ringelnatz, eigentl. Hans Gustav Bötticher, war ein dt. Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der besonders zur Zeit der Weimarer Republik durch seine "komischen Auftritte" Berühmtheit erlangte. *07. Aug. 1883 in Wurzen, heute Große Kreisstadt im Landkreis Leipzig, "Ringelnatzstadt Wurzen", +17. Nov. 1934 in
Berlin.





