Von Andreas Steinhardt 09.07.2026 um 23:39 Uhr | melden
Zur heutigen Gedenkkerze ein "Sommergedicht" von Georg Trakl, das im Gegensatz zu den meisten Sommerversen alter Meister ziemlich depressiv daher kommt.
Gerda, das passionierte Sommerkind, würde sich vermutlich bei diesem Werk von Trakl schaudern -
...ich denke aber dabei an all die, welche unter der zuletzt brütenden Hitze sehr gelitten haben, ich kannte eine alte Dame, die dies nicht überlebt hat.
Ich kenne Menschen, die ihre Matratze in den Kellerraum brachten, da sie bei der Hitze in der Wohnung nicht schlafen konnten. Ich denke auch an all die, welche in diesen Sommertagen Leid erfahren durch Krankheit oder einen schweren Verlust verkraften müssen.
Der Sommer ist nicht immer heiter. Jemand sagte zu mir: "Ach ja, jetzt stöhnten alle über die Hitze, jetzt ist aber endlich mal Sommer - im Herbst und Winter meckern alle wieder über die Kälte, den Wind, den Regen." - ich werde sicherlich nicht über den Herbst und Winter stöhnen...
Auch im Gedenken an Frau B.
Sommer
von Hermann Trakl
Am Abend schweigt die Klage
Des Kuckucks im Wald.
Tiefer neigt sich das Korn,
Der rote Mohn.
Schwarzes Gewitter droht
Über dem Hügel.
Das alte Lied der Grille
Erstirbt im Feld.
Nimmer regt sich das Laub
Der Kastanie.
Auf der Wendeltreppe
Rauscht dein Kleid.
Stille leuchtet die Kerze
Im dunklen Zimmer;
Eine silberne Hand
Löschte sie aus;
Windstille, sternlose Nacht...
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Michael Braun vom Deutschlandfunk schrieb dazu:
Die Zeit steht still, die Geräusche des Tages verstummen und die Natur hält für einen Moment den Atem an – aber die Bedrohung weicht nicht. Bei Georg Trakl, dem prophetischen Dichter der Düsterkeiten und Höllenstürze, sammeln sich selbst in der hellen Jahreszeit die Zeichen des Untergangs. Sein Sommerbild zeigt das Schweigen der Natur als Vorbote eines größeren Unglücks.
In den Gedichten des 1915, nach Trakls Tod publizierten Bandes "Sebastian im Traum" findet sich im Kapitel „Gesang des Abgeschiedenen“ das „Sommer“-Gedicht. Es ist noch nicht ganz in
jene alogisch-verrätselte Bildlichkeit hineingetrieben, in der die späten Gedichte Trakls ihre Topik der Verzweiflung entwerfen. Aber die für
den lyrischen Zeitgenossen der Expressionisten typischen Naturzeichen und Farbkompositionen sind präsent: das „schwarze Gewitter“, der „rote Mohn“, die „silberne Hand“.
Georg Trakl, *3. Februar 1887 in Salzburg, +3. November 1914 in Krakau, damaliges Galizien, KR Österreich-Ungarn, heute zur poln. Woiwodschaft Kleinpolen.
Trakl war ein österreichischer Dichter des Expressionismus mit
starken Einflüssen des Symbolismus.





