Von Andreas Steinhardt 14.06.2026 um 14:29 Uhr | melden
Zur Gedenkkerze ein Gedicht von Erich Kästner.
Der Juni zeigt sich seit einiger Zeit von seiner kühlen und unbeständigen Seite - ein großes Hochdruckgebiet steht aber
schon in den Startlöchern...
In zwei Tagen jährt sich Theresias 119. Geburtstag - ich erinnere
mich an meist sehr durchwachsene Junitage, besonders eingeprägt natürlich ihre Feiern am 16. Juni. Einige mussten komplett im Haus stattfinden und nicht im Garten, da es unentwegt regnete...
Der Juni
von Erich Kästner
Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.
Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.
Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.
Es wird und war. Es war und wird.
Aus Kälbern werden Rinder
Und weils zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.
Die Vögel füttern ihre Brut
und singen nur noch selten.
So ists bestellt in unsrer Welt,
der besten aller Welten.
Spät tritt der Abend in den Park,
mit Sternen auf der Weste.
Glühwürmchen ziehn mit Lampions
zu einem Gartenfeste.
Dort wird getrunken und gelacht.
In vorgerückter Stunde
tanzt dann der Abend mit der Nacht
die kurze Ehrenrunde.
Am letzten Tische streiten sich
ein Heide und ein Frommer,
obs Wunder oder keine gibt.
Und nächstens wird es Sommer.
Emil Erich Kästner, *23. Februar 1899 in Dresden, +29. Juli 1974
in München.
Kästner war ein dt. Schriftsteller, Publizist, Drehbuchautor und Kabarettdichter - "Das doppelte Lottchen" oder "Emil und die
Detektive" werden fast jedem etwas sagen.
Er zählt zu den Autoren von Weltgeltung. 1959 bekam Kästner
das Große Bundesverdienstkreuz.




